Silberne Schale mit goldenem Omphalos aus der Grube A der »Tomba della Regina« (nach: M. Landolfi, The Picenean Queen of Sirolo-Numana. In: N. C. Stampolidis / M. Giannopoulou (Hrsg.), »Princesses« of the Mediterranean in the Dawn of History. Catalogue of the exhibition, Athens 2012 (Athens 2012) 359).

Schwarzfiguriger Kolonnettenkrater aus der Grube B der »Tomba della Regina« (nach: M. Landolfi, The Picenean Queen of Sirolo-Numana. In: N. C. Stampolidis / M. Giannopoulou (Hrsg.), »Princesses« of the Mediterranean in the Dawn of History. Catalogue of the exhibition, Athens 2012 (Athens 2012) 364).

Etruskischer Stabdreifuß aus der Grube B der »Tomba della Regina« (nach: M. Landolfi, The Picenean Queen of Sirolo-Numana. In: N. C. Stampolidis / M. Giannopoulou (Hrsg.), »Princesses« of the Mediterranean in the Dawn of History. Catalogue of the exhibition, Athens 2012 (Athens 2012) 361).

 

Die »Tomba della Regina« von Sirolo-Numana (Prov. Ancona, Italien). Der herausragende Grabkomplex einer picenischen Frau des späten 6. Jahrhunderts v.Chr. als Schlüsselfund für die Vorgeschichte Europas

Die »Tomba della Regina« von Sirolo-Numana (Prov. Ancona, Italien) ist der repräsentativste und berühmteste Grabkomplex des Picenums sowie eines der reichsten Gräber des 6. Jhs. v.Chr. in der europäischen Vorgeschichte. Keine andere Bestattung im Mittelmeerraum sowie im Mitteleuropa weist über 1.500 Trachtbestandteile sowie die Deponierung von zwei Wagen, einem prächtigen Trinkgeschirrsatz mit attischer Keramik und Bronzegefäßen und sogar einer griechischen Kline auf. Trotz der fast abgeschlossenen Restaurierung der Beigaben und der ausführlichen Dokumentation der modernen Ausgrabung wartet die »Tomba della Regina« seit fast 30 Jahren auf eine wissenschaftliche Bearbeitung. Diese Herausforderung übernimmt jetzt das Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz in Kooperation mit dem Polo Museale und der Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio der Region Marche.

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts steht die üppige und komplexe Bestattung, die sich mit ihren zahlreichen lokalen und importierten Beigaben im Spannungsfeld zwischen den Forschungen zum Picenum und den Untersuchungen zur italischen Halbinsel, zu Griechenland sowie zu den »Fürstinnen-« bzw. »Fürstengräbern« in Mitteleuropa während des 6. und 5. Jh. v.Chr. stellt. Dank der archäologischen bzw. kulturhistorischen Auswertung der Funde und des gesamten Grabkomplexes sollen weitreichende Fragestellungen zu Formen und Bedeutungen des picenischen Grabritus, zum Ausdruck von Geschlecht, Macht und Rang im vorrömischen Mittelitalien sowie zu den archaischen Handelsnetzwerken angegangen werden. Somit soll eine solide Basis für die Erforschung der materiellen Kultur des Picenums und der internationalen Rolle des Hafenzentrums von Numana geschaffen werden. Darüber hinaus werden weitere Beigaben im Laufe des Projekts in den Restaurierungswerkstätten des RGZM und der Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio der Region Marche konserviert und restauriert.

Wie bereits im Fall des Projekts zum »Circolo delle Fibule« von Sirolo-Numana, wird auch die Forschung zur »Tomba della Regina« in das Forschungsfeld »Kulturkontakte« integriert sein. Folgende Fragen sind für die Untersuchung kultureller Kontakte besonders relevant:

  1. Die zahlreichen Importe sowie die Aufnahme fremder Ideen und Vorbilder gehören neben der Monumentalität des Grabkomplexes und der Anzahl der Beigaben zu den »Strategien« des Grabritus, um den Status der Frau hervorzuheben. Welche Verwendung finden die Importe innerhalb des lokalen Grabritus im Vergleich zu anderen Fundorten? Welche Darstellungsformen von internationaler Relevanz werden im Grabkomplex inszeniert? Gibt es Hinweise auf die Modifikation bzw. die Anpassung der Funktion oder der Bedeutung fremder Güter innerhalb der Grabausstattung?
  2. Ein erheblicher chronologischer Unterschied existiert zwischen einigen importierten Objekten. Erlaubt die Untersuchung der Importe Elemente für die Objektbiographien zu gewinnen? Kann man in Anbetracht der chronologischen Diskrepanz unter den Importfunden neue Hypothesen über die Ankunft solcher Objekte in Numana stellen? Ist es möglich aufgrund der Chronologie der Importe die Entwicklung sowie die Art und Weise der Beziehungen zwischen Numana und den Herkunftsgebieten besser zu verfolgen?
  3. Ein wichtiger Aspekt ist in dieser Hinsicht die Untersuchung des attischen Symposionssets. Erst im Laufe des späten 6. und des 5. Jh. v. Chr. wurden Numana und das Picenum ein wichtiges Ziel des Handels attischer Keramik in der Adria. Spiegelt der griechische Trinkgeschirrsatz aus der »Tomba della Regina« die Eröffnung einer neuen Handelsroute der attischen Keramik nach Numana wie nach Adria und Spina wieder? Ist die Präsenz der Kline mit dieser historischen Phase der Kontaktaufnahme zwischen dem Picenum und Griechenland zu verbinden?
  4. Darüber hinaus ist die Untersuchung der Fernkontakte zu den Regionen nördlich der Alpen wichtig, da die Natur dieser Kontakte mit dem Picenum noch in vielerlei Hinsicht erklärt werden muss. Einige Fibel- und Anhängerformen weisen Ähnlichkeiten mit Objekten aus der Este- und Golasecca-Kultur auf und sollen deshalb im Hinblick auf die Erforschung der direkten Kontakte mit dem Norden besonders ausführlich untersucht werden. Weitreichende Kontakte sind auch durch die gemeinsame Benutzung von symbolischen Elementen wie Wagen oder bronzenen Geschirrsätzen in der »Tomba della Regina« sowie in wichtigen »Fürstinnen-« und »Fürstengräbern« der Hallstattzeit ersichtlich. Die Anwendung solcher Elemente soll im lokalen Kontext des Picenums erläutert werden. Spielte das Picenum lediglich eine Vermittlungsrolle oder war die Verbindung zum Norden enger?

Förderung

Deutsche Forschungsgemeinschaft