Lokalisierung von Bisenzio, Bolsena-Seegebiet und 'Monte Bisenzio' von Süden (Grafiken und Fotos: A. Babbi).

'Monte Bisenzio' von Norden (Foto: A. Babbi).

Siedlungsgebiete (Brauntöne) und Bestattungsplätze (Schwarztöne) in Bisenzio (Grafik: A. Babbi).

Bisenzio, Olmo Bello Nekropole, Grab 16, Plan und Schnitt (Grafik: nach R. Paribeni, Capodimonte – Ritrovamento di tombe arcaiche. Notizie degli Scavi 1928, Abb. 40-41).

Bisenzio, Olmo Bello Nekropole, Grab 2, Kesselwagen (Foto: A. Babbi, B. Babbi).

Bisenzio, Olmo Bello Nekropole, Grab 2, Fibel aus Bronze, Gold und Bernstein (Foto: A. Babbi, B. Babbi).

 

Bisenzio (Capodimonte, VT – Italien) von der Bronzezeit bis in die Archaische Periode: ein verbindender dynamische Netzwerke Hauptknotenpunkt in Südetrurien

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Die archäologische Fundstätte „Bisenzio“ entspricht dem gleichnamigen „Monte Bisenzio“ (Bisenzio-Hügel, 404,8 m), der sich am Südwest-Ufer des Bolsena-Sees (ca. 305 m ü.d.M.) erhebt, 4 km nördlich der modernen Stadt Capodimonte im Verwaltungsbezirk Viterbo (Latium, Italien). Es handelt sich um einen Hügel, der im Norden und Süden durch steile bzw. sanfte Hänge von flachen Ebenen getrennt ist. Im Westen befinden sich die steilen Steilhänge des Calderarandes, der den gesamten See umgibt. Falls sich der Name „Bisenzio“ von „Visentium“ ableitet, dem Namen des römischen Munizipiums, dessen Lage noch unklar ist, so ist der Beginn einer dauerhaften Siedlung auf dem Hügel viel früher und geht mindestens auf die letzte Bronzezeit zurück.

Wie die zahl- und aufschlussreichen Haus- und Bestattungsbelege – die unsystematisch untersucht und nur sehr selten veröffentlicht wurden –zeigen, florierte zwischen dem späten 10. und dem frühen 5. Jh. v. Chr. nicht nur auf dem Hügel eine sehr dynamische Gemeinschaft, sondern auch auf den angrenzenden Feldern und an der mittlerweile versunkenen Seeküste.

Die spätbronzezeitlichen Funde stammen hauptsächlich aus systematischen Ausgrabungen auf dem Gipfel des „Monte Bisenzio“ ( 1978/1979). Auch im umliegenden Vorgebirge wurden zeitgenössischen Scherben gesammelt. In den 70-er und frühen 80-er Jahren fanden zwei Feldforschungsprojekte statt, die unser Wissen über den Fundplatz enorm erweitert hat: Funde, die aus diesen beiden Feldbegehungen stammen, werden vornehmlich in die früheisenzeitliche und frühetruskische Epoche datiert. Spätere Datierungen (römisch/mittelalterlich) sind selten. Die jüngsten Funde stammen aus der Zeit um 500 v. Chr. oder dem Beginn des 5. Jhs v. Chr. Und dies wird allgemein als das Ende des etruskischen Bisenzio angesehen.

Die Friedhöfe sind über eine Entfernung von etwa 4 km südöstlich, westlich und nordwestlich von „Monte Bisenzio“ verteilt. Systematische Ausgrabungen zwischen 1884 und 1894, und noch zwischen 1911 und 1933 statt. Leider nur eine kleine Minderheit der Grabbeigaben wurde abgebildet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden von der Soprintendenza per i Beni Archeologici dell'Etruria Meridionale zahlreiche kleine Ausgrabungen durchgeführt. Nach den Bestattungsarten und den Grabbeigaben lassen sich die frühesten Gräber in das frühe 9. Jahrhundert v. Chr. datieren, während die jüngsten etruskischen Bestattungen auf etwa 500 v. Chr. oder den Beginn des 5. Jahrhundert v. Chr.

wissenschaftliche Ziele des Projekts

Dank transdisziplinärer und hochmoderner Untersuchungen will das Bisenzio Projekt einerseits Licht auf eine der relevantesten und kaum bekannten archäologischen Stätten Südetruriens werfen. Und andererseits soll die üblichen theoretischen Modelle zur Interpretation der Siedlungsmuster und -hierarchie in Südetrurien sowie das traditionelle Bild der historisch-sozialen Entwicklung in dieser Region zwischen der Bronzezeit und dem Ende der Archaische Periode in Frage gestellt werden.

Das von Dr. Andrea Babbi geleitete internationale Team wird eine Vielzahl von genau aufeinander abgestimmten Untersuchungen durchführen, um die folgenden übergreifenden Forschungsfragestellungen zu beantworten:

  • War der zentrale Ort mit dem Namen „Bisenzio“ ein „kleines“ Zentrum, oder sollte er als eine ungewöhnliches „großes“ Zentrum angesehen werden, das in einer bestimmten Ökozone zumindest seit der Bronzezeit und in größerem Umfang bis in die folgenden Zeiträume hinein gedeiht?
  • Wenn das zutrifft, was sind dann die Besonderheiten der verschiedenen Phasen eines so eigentümlichen „großen“ Zentrums?
  • Können die Merkmale dieses Ortes dazu beitragen, andere Arten von eigentümlichen „großen“ Zentren in Südetrurien zu untersuchen?
  • Werden in Anbetracht des aktualisierten Rahmens, der skizziert werden soll, die traditionellen Interpretationsmodelle immer noch ausreichen, oder sollte ein neues theoretisches Paradigma angenommen werden, um die Siedlungsmuster in Bisenzio und im Bolsena-Seegebiet zu interpretieren?
  • War der Niedergang der lokalen Gemeinschaft abrupt, wie allgemein angenommen wird, oder ein kurzer, aber allmählicher Niedergang? Was waren die Gründe dafür?
  • Wie schnell stieg der Seespiegel, und wie wurden die Siedlungsmuster in Bisenzio durch den steigenden Wasserspiegel beeinflusst?

Wissenschaftliche Struktur des Projekts

Dr. Andrea Babbi, der die erste Phase der Forschungsaktivitäten (2015-2017) entwarf und koordinierte und seit 2018 Direktor des internationalen und transdisziplinären Bisenzio-Projekts ist, ist Forscher am Institute of Heritage Science of the National Research Council of Italy (ISPC-CNR) und führt das Bisenzio-Projekt auch als Associate Researcher am Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM) durch. Im Jahr 2014 erteilte die Soprintendenza Archeologia del Lazio e dell'Etruria Meridionale (Direktorin Dr. Alfonsina Russo Tagliente / Koordination mit dem Bisenzio-Projekt Dr. Valeria D'Atri) Dr. Andrea Babbi die notwendigen Genehmigungen zur Erforschung und Veröffentlichung des antiken Zentrums von Bisenzio und seines Bezirks. Im Jahr 2019 bestätigte die Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio per l'aera metropolitana di Roma, la provincia di Viterbo e l'Etruria meridionale (Direktorin Dr. Margherita Eichberg / Koordination mit dem Bisenzio-Projekt Dr. Maria Letizia Arancio sowie alktuell Dr. Barbara Barbaro) Dr. Andrea Babbi die oben erwähnten Bewilligungen. Darüber hinaus haben sowohl die Soprintendenza als auch das Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia (Direktor Dr. Valentino Nizzo) den Zugang zu einem Teil des italienischen Kulturerbes, wie z.B. den in ihren eigenen Archiven aufbewahrten Dokumenten und den fast vollständig unveröffentlichten Funden und recht reichen Grabbeigaben, die sich in ihren Lagerräumen befinden, mit dem Ziel ihrer Veröffentlichung gestattet. Überdies stellt die Soprintendenza dem Projekt ihr eigenes Wissen über das seit langem geschützte Kultur- und Landschaftserbe zur Verfügung. Schließlich hat das Polo Museale del Lazio, derzeit Direzione Regionale Musei Lazio (Direktorin Dr. Edith Gabrielli), im Jahr 2017 Dr. Andrea Babbi die Erlaubnis erteilt, noch mehr Funde zu studieren und zu veröffentlichen, die aus einigen relevanten Kontexten im Bezirk Bisenzio stammen und im Museo Nazionale Etrusco Rocca Albornoz in Viterbo aufbewahrt werden.

Förderung

2020-2022 Fritz Thyssen Stiftung; 2015-2017 Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG.
  

Unser besonderer Dank gilt Toyota Motor Italia und Servizi Nautici Zenith, die uns bei der Logistik des Projektes unterstützen, und der Gemeinde von Capodimonte, die uns ihre Infrastruktur zur Verfügung stellt.

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Kooperationspartner

Publikationen

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