Codes der Macht. Mit 16 auf den Thron

6. November 2015 – 10. Juni 2016
im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz

Wie schafft man es, als derjenige anerkannt zu werden, der im Lande Entscheidungen fällt und durchsetzt? Tagtäglich empfangen wir zahllose Texte, Bilder und Zeichen, die uns etwas versprechen, um uns werben oder uns sogar drohen. Ihre Absender werben dafür, ihnen das Mandat der Macht zu erteilen. Dabei sollen wir die manchmal offenen, manchmal verschlüsselten Botschaften so verstehen, wie ihre Absender es wünschen.

Die Archäologie entschlüsselt „Codes der Macht“, die sich in den Objekten verbergen. Deren Fundzusammenhänge zeigen uns die “Bühnen”, auf denen die mit ihnen verbundenen Botschaften dem Publikum präsentiert wurden. Dieser Blick auf Machtkämpfe in längst vergangenen Gesellschaften, in ganz anderen Herrschaftsstrukturen und Medienwelten ausgetragen, schärft unser Bewusstsein für gegenwärtige "Codes der Macht".

Im Jahr 482 waren es die Begräbnisfeierlichkeiten für den Frankenkönig Childerich (†481/482), die sein Sohn, der 16jährige Chlodwig, für die Sicherung seiner Nachfolge auf den Thron zu inszenieren wusste. Die am Beispiel der archäologischen Erforschung des Childerichgrabes entwickelte Perspektive auf das Thema für den heutigen Menschen in Wert zu setzen, war das Ziel des Ausstellungsprojektes.

EIN ALTBEKANNTER ARCHÄOLOGISCHER FUND IN NEUER PERSPEKTIVE

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen zum Grab Childerichs. In unserer Ausstellung betrachten wird das Grab aber aus einer neuen, ungewöhnlichen Perspektive, nämlich aus der seines Sohnes Chlodwig. Er nutzte die Bestattungszeremonie als Bühne, um die Rechtmäßigkeit seiner Nachfolge zu demonstrieren. Die gesamte Zeremonie, ja nahezu jede einzelne Grabbeigabe enthielt Botschaften, die für die Teilnehmer der Feierlichkeiten deutlich lesbar waren. Der junge Herrscher verstand die Codes der Macht und setzte sie äußerst erfolgreich ein. Loyalitätsbekenntnisse, Versprechungen, verdeckte Drohungen sind auch heute noch Botschaften, die Mitmenschen dahin gehend manipulieren, im Sinne ihrer Absender zu handeln.

EINE KAMPAGNE FÜR DIE THRONFOLGE

Das Begräbnis des Königs Childerich wird in der Ausstellung als wesentliches Instrument der Machtübernahme durch seinen Sohn Chlodwig betrachtet. Die Trauerfeier bot ihm die Plattform, um den dort versammelten, für die Anerkennung seiner Thronfolge maßgeblichen Gruppen die richtigen Botschaften zu vermitteln. Das Begräbnis war zentraler Bestandteil der Kampagne für seine Thronfolge.

DAS KONZEPT DER AUSSTELLUNG

Die Ausstellung ist in eine Kampagne eingebunden, in der die Geschichte der Machtübernahme Chlodwigs in der Medienwelt der Gegenwart erzählt wird. Diese führt das Publikum zugleich aus der Gegenwart auf die historische Bühne der Bestattung des Königs, die den Kern der Ausstellung bildet. Hier werden die Codes aufgelöst, die sich in den Beigaben des Königs verbergen. Bei der Rückkehr in die Gegenwart werden die Besucherinnen und Besucher zu einer persönlichen Reflektion zum Thema „Codes der Macht“ ermuntert und gebeten, ihre Sichtweise in die Kommunikationsplattform des Projektes zurückzuspiegeln.

HISTORISCHE HINTERGRÜNDE
CHILDERICH IN DER SCHRIFTLICHEN ÜBERLIEFERUNG

Die Schriftquellen liefern nur spärliche Informationen zum fränkischen König Childerich, und ohne die Kenntnis seines Grabes wäre er wohl einer der »uninteressanteren« Kleinkönige dieser Zeit geblieben. Er stand zumindest zeitweise in römischem Dienst und kämpfte gegen die Westgoten, die ihr Reich im Südwesten Galliens errichtet hatten, aber auch gegen andere einfallende Kriegergruppen. Gregor von Tours beschreibt ein achtjähriges Exil Childerichs bei den Thüringern. Er hatte angefangen, die »Töchter der Franken zu missbrauchen«. Genaue Lebensdaten Childerichs sind nicht bekannt. Das liegt nicht nur an der lückenhaften schriftlichen Überlieferung. Man hatte im 5. Jahrhundert noch nicht mit einer Jahreszählung »nach Christi Geburt« begonnen, und die unter den römischen Kaisern übliche Datierung nach den amtierenden Konsuln war schon außer Gebrauch. Man datierte nach den Regierungsjahren eines Herrschers oder nach Bischofsjahren. Dies alles zu rekonstruieren und zu parallelisieren ist oftmals nicht möglich. So sind auch Childerichs Daten mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Das Todesjahr Childerichs wird im Allgemeinen in die Jahre 481/482 datiert, seine Geburt um 440.

Childerichs Aktionsraum war zwar nominell noch Teil des weströmischen Reiches, doch hatten die römischen Kaiser Gallien im 5. Jahrhundert faktisch bereits aufgegeben. Unterschiedliche Heerführer hatten daher genug Raum, dort ihre Herrschaftsgebiete zu installieren, teils mit römischer Zustimmung, teils ohne. In wechselnden Koalitionen führten sie Kriege gegeneinander; hinzu kamen Einfälle auswärtiger Heere und Kriegergruppen. Es herrschte Unsicherheit. Im Nordosten dieses relativ großen Raumes begrenzter Staatlichkeit lag die spätantike römische Provinz Belgica Secunda, die ungefähr dem Herrschaftsgebiet Childerichs entsprach.