CuTAWAY

Im Projekt „CuTAWAY“ erforschen Wissenschaftler:innen welche Konservierungsverfahren am besten geeignet sind, seltene archäologischen Objekte aus Holz zu stabilisieren. Außerdem erproben sie eine zerstörungsfreie Datierung anhand der Computertomographie (DendroCT).

Für dieses Verfahren werden gerade acht steinzeitliche Radfunde aus der Region der Alpenländer untersucht, darunter eines der ältesten Holzräder aus dem Laibacher Moor in Slowenien sowie über achtzig weitere konservierte Holzproben aus der Referenzsammlung des RGZM in Mainz.

Das DendroCT-Verfahren wird gemeinsam mit Physikern und Ingenieuren an der Hochschule Luzern (HSLU) und Dendrochronologen aus dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart umgesetzt.

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Bedeutungsvolle Funde: Die steinzeitlichen Räder aus den Pfahlbauten des Alpenvorlandes

Ein Interview mit Helmut Schlichtherle

In unserer Reihe "High-Tech für die Steinzeit – Zerstörungsfreie Untersuchungen an steinzeitlichen Radfunden" interviewen wir jede Woche Expert:innen, die die archäologischen Artefakte aus ihrem fachlichen Blickwinkel beleuchten.

Heute sprechen wir, das sind Christina Nitzsche und Ingrid Stelzner vom RGZM, mit dem Archäologen Helmut Schlichtherle, der als Referent des Landesamtes für Denkmalpflege zahlreiche Ausgrabungen in den Seen und Mooren Baden-Württembergs leitete und sich mit Radfunden auskennt. Denn schon ab 1989 kamen in den jungsteinzeitlichen Moorsiedlungen am Federsee und im Olzreuter Ried zahlreiche Räder und andere Wagenteile, aber auch Radmodelle zum Vorschein, die in den Beginn des 3. Jts. v. Chr. datieren. Zur Technik und kulturgeschichtlichen Bedeutung dieser Funde hat er mehrfach veröffentlicht. 

Foto von Herrn Schlichtherle auf einer Ausgrabung am Federsee © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart

Herr Schlichtherle, schön dass Sie sich Zeit genommen haben. Können Sie uns sagen, welchen Einfluss das Rad auf die Entwicklung der Menschheit genommen hat?

Gerne. Das Rad ist bekanntlich eine der erfolgreichsten Erfindungen. Sein Siegeszug führte nicht nur von den ersten Radfahrzeugen der Steinzeit bis zum Automobil, sondern seit der Antike und dem Mittelalter zu weiteren technischen Anwendungen im Apparate- und Maschinenbau. Die technische Revolution des 19. Jahrhunderts ist ohne das Rad nicht denkbar und auch in unserem digitalen Zeitalter kann der ganze Technokomplex ohne Räder und Rädchen nicht funktionieren.

Wie müssen wir uns das Leben vorstellen, bevor das Rad erfunden wurde?

Die Menschheit kam 2-3 Millionen Jahre ohne das Rad aus. Der Transport erfolgte zu Fuß, mit Booten auf den Wasserwegen, und mit Hilfe von Schlitten und Schleifen, in späterer Zeit bereits unter dem Einsatz von Tieren. Zum Transport schwerer Lasten, wie sie zum Beispiel die riesigen Steine der Megalithbauten darstellten, benutzte man in der Jungsteinzeit offenbar hölzerne Rollen. Mit den genannten Transporttechniken geht auf dem Landweg viel Transportenergie verloren. Dies änderte sich erst mit der Erfindung des Rades.

Können Sie uns sagen, wann die ersten Räder entstanden? Und wo wurden sie nachgewiesen?

Die Erfindung von Rad und Wagen ereignete sich erst in der späten Jungsteinzeit im 4. Jahrtausend vor Christus. Es begann vermutlich im nördlichen Schwarzmeergebiet (heute Ukraine) in der ersten Hälfte des 4. Jts. mit miniaturhaften Modellrädchen, mit denen kleine - möglicherweise rituell genutzte -Tierfiguren bewegt werden konnten. Zur Konstruktion großer, hölzerner Vollscheibenräder, mit denen richtige Wagen gebaut wurden, kam es nach den ältesten archäologischen Funden erst ab der zweiten Hälfte des 4. Jts. v. Chr. Lange dachte man, dass die Erfindung in der Uruk-Kultur - einer frühen Hochkultur des Vorderen Orients - erfolgt sein müsse, denn dort tauchen bereits Wagendarstellungen in den frühen schriftlichen Quellen um die Mitte des 4. Jts. v.Chr. auf. Entsprechend alte Wagenfunde und bildliche Wagendarstellungen gibt es aber inzwischen auch vom Schwarzmeergebiet bis nach Mitteleuropa. Somit ist nicht klar, ob sich die Erfindung an einem Ort ereignete oder ob es verschiedene Entwicklungszentren gab.

Wie kann es zur Erfindung von Rad und Wagen gekommen sein?

Bereits seit dem 6. Jh. v. Chr wurden Spinnwirtel als kleine Schwungrädchen zur Herstellung textiler Fäden benutzt. Größere, wie Räder rotierende Töpferscheiben kamen in Asien offenbar bereits im 5. Jts. v.Chr. zur Anwendung. Dies können Vorstufen zur Erfindung des Wagenrades gewesen sein. Die Radscheibe allein macht aber noch keinen Wagen. Wichtig waren vor allem weitere Erfindungen und Entwicklungsschritte: Man brauchte ein Fahrgestell, unter dem man die Räder mit ihren Achsen befestigen konnte, man brauchte eine Deichsel und ein Joch zur Anschirrung eines Zuggespannes und man benötigte zunächst vor allem auch abgerichtete Zuggespanne von Rindern.

Abb. 1 Jungsteinzeitliches Tonmodell eines vier - rädrigen Wagens mit feststehenden Achsen, gefunden in Budakalász, Ungarn © Landesamt für Denkmalpflege im Reg. Präs. Stuttgart/Schlichtherle

Kann man die Abrichtung von Rindern denn archäologisch nachweisen?

Rinder wurden in der Jungsteinzeit seit etwa 8000 v.Chr. domestiziert und in Mitteleuropa sind seit dem 6. Jts. v.Chr. erste kastrierte männliche Tiere, sog. Ochsen, nachgewiesen, die für den Einsatz in Zuggespannen besonders geeignet waren. Von Rindern gezogene Stangenschleifen und Schlitten sind durch bildliche Darstellungen und vereinzelt auch substantielle Funde spätestens seit dem 4. Jts. v.Chr. nachgewiesen. Waren diese Voraussetzungen erfüllt, konnte es unter Hinzufügung von Rad und Achse zur Entwicklung von Wagen kommen. Dieser Schritt ereignete sich im Verlauf des 4. Jts. v. Chr. Die Erfindung war durch die Vereinfachung der Fortbewegung sehr erfolgreich und setzte sich nachweislich sehr schnell als Innovation durch.

Wie sahen die Wagen aus und wofür wurden sie verwendet?

Die frühen Wagendarstellungen der Uruk-Kultur sehen so aus, wie wenn man Schlittenkufen mit Rädern versehen hätte. Jungsteinzeitliche Wagenmodelle aus dem Donauraum zeigen vierrädrige Fahrgestelle mit Deichsel und vorgespanntem Rinderpaar (Abb. 1). Die zugehörigen Scheibenräder hatten runde Achslöcher und drehten sich auf den feststehenden, unter dem Wagenkasten befestigten Achsen. Ein ähnliches Bild bieten auch Wagengräber des Schwarzmeergebietes und des mitteldeutschen Raumes. Rund gelochte Radfunde des gleichen Typs gibt es bis nach Nordeuropa. Im Raum um die Alpen folgten die frühen Wagen der Jungsteinzeit aber einem völlig anderen Konstruktionsprinzip (Abb. 2). Sie hatten Scheibenräder mit einem rechteckigen Achsloch (Abb. 3). Die Räder saßen hier also fest auf der Achse und bewegten sich mitsamt der Achse unter dem Fahrgestell. 

Abb. 2 Rekonstruktion eines einachsigen Wagens mit rotierender Achse, Zeichnung: © Landesamt für Denkmalpflege im Reg. Präs. Stuttgart/Kalkowski
Abb. 3 Teile der Radscheiben 1-3 aus dem Olzreuter Ried. Diese Funde vom Beginn des 3. Jts. v.Chr. zeigen exemplarisch die Merkmale der neolithischen Räder vom Alpinen Typ: rechteckige Achslöcher und Einschubleisten. © Landesamt für Denkmalpflege im Reg. Präs. Stuttgart/Schlichtherle

Wie müssen wir uns das vorstellen?

Das Fahrgestell war offenbar aus einer Art von Stangenschleife entwickelt worden, der man ein Räderpaar unterschob. Damit ergaben sich einachsige Wagen von dreieckiger Form. Auch sie wurden von Rindern gezogen, wie Felsbilder in den Alpen erkennen lassen (Abb. 4). Die frühen Wagen waren für den langsamen Transport schwerer Gütern wie z.B. von Baumaterialien oder Landwirtschaftsprodukten geeignet und vermutlich noch nicht für den Fernverkehr im Einsatz. Für den Fernverkehr fehlte es in den waldbedeckten Gebieten Mitteleuropas zunächst auch an geeigneten Wegen und befestigten Straßen.

Abb. 4 Felszeichnung eines jungsteinzeitlichen Wagens vom Monte Bego in den Ligurischen Alpen. ©Landesamt für Denkmalpflege im Reg. Präs. Stuttgart/ nach Lumley 1995

Was wissen wir über die frühen Radfunde in Baden-Württemberg?

Alle in den jungsteinzeitlichen Pfahlbauten des Alpenvorlandes gefundenen Räder und Achsen gehören zu solchen Dreieckswagen mit rotierender Achse. Die ältesten Funde gehen hier im Moor von Ljubljana (Slowenien), in Oberitalien und am Zürichsee bis weit in die zweite Hälfte des 4. Jts. v.Chr. zurück. Die ältesten Funde in den Oberschwäbischen Mooren datieren in den Beginn des 3. Jts. v. Chr. Die Räder mit rechteckigem Achsloch vom „Alpinen Typ“ sind in der Regel aus zwei Segmenten zusammengesetzt, die mit Einschubleisten zusammengefügt wurden (Abb. 5). Sie stellen erstaunlich präzise gebaute, teilweise durch Schmauchung im Feuer sorgfältig imprägnierte Produkte dar, die nördlich der Alpen nach einer einheitlichen „Bauanleitung“ gefertigt wurden.

Abb. 5 Olzreuter Ried, südlich des Federseegebietes. Freilegung von Rad 1 während der Sondierungsgrabungen des Baden-Württembergischen Landesamtes für Denkmalpflege im Sommer 2009. © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart/Hohl

Eine einheitliche Bauanleitung? 

Ja, genau. Die Radscheiben sind immer aus Spaltbrettern des harten, gut bearbeitbaren und standfesten Ahornholzes hergestellt, die Einschubleisten immer aus dem hoch elastischen, langfaserigen und besonders bruchfesten Eschenholz gemacht. Vereinzelt sind die Radscheiben auch einteilig, also aus einem einzigen Brett hergestellt. Auch hier finden wir eingesetzte Einschubleisten. Sie mussten in diesen Fällen das Rad zwar nicht zusammenhalten, stabilisierten aber die Scheibe gegen seitlich Verwindungen. Starke Abnutzungsspuren auf den Laufflächen mehrerer Baden-Württembergischer Radfunde sowie beobachtete Brüche und Reparaturen an den Radscheiben lassen erkennen, dass sie unter schweren Lasten eingesetzt wurden. Daneben gibt es aus dem Olzreuter Ried auch relativ dünne, elegant gefertigte Räder, deren Funktion unbekannt ist. Vielleicht dienten sie, wie die hier gefundenen kleinen Radmodelle, einzig repräsentativen oder rituellen Zwecken.

Wie ging es mit der Entwicklung des Rades nach der Steinzeit weiter?

Ab der Bronzezeit kam es zu einer Veränderung der Scheibenräder, die durch halbmondförmige Aussparungen und bewegliche Buchsen eine Gewichtsverringerung erfuhren. Ein solches Scheibenrad und zugehörige Achsen kennen wir aus dem Federseemoor. Eine weitere Gewichtsverringerung brachte dann die Erfindung von Strebenrädern und Speichenrädern. Die technisch evolutive Entwicklung vom Scheibenrad zum Strebenrad zeigt sich beispielhaft an Funden aus dem oberitalienischen Moor von Mercurago. Noch leichtere Speichenräder wurden offenbar in Asien zum ersten Mal entwickelt. Ab der Bronze- und Eisenzeit zeigen bildliche Darstellungen den Einsatz von Pferden, Maultieren und Eseln als Zugtiere vor solchen nun leichteren und schneller beweglichen, ein- und zweiachsigen Wagen. Daneben fuhren mit schwerer Last aber immer noch Wagen mit dicken Scheibenrädern, deren Tradition im Orient und im Mittelmeerraum seit den Tagen der Jungsteinzeit bis ins 20. Jahrhundert aufrechterhalten blieb. Vor allem im westlichen Mittelmeerraum spielten Wagen mit rotierender Achse in der Landwirtschaft noch lange eine wichtige Rolle. Mit den spanischen und portugiesischen Kolonisatoren kamen solche Scheibenräder mit Einschubleisten, die auf die jungsteinzeitlichen Erfindungen zurückgingen und sich nicht wesentlich von den Radfunden am Federsee und in den Schweizer Seen unterschieden, im 16. Jahrhundert bis nach Amerika.

Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und die interessanten Einblicke in die Geschichte des Rades, Herr Schlichtherle.

Das Interview führten Dr. Ingrid Stelzner und Christina Nitzsche vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM).