CuTAWAY

Im Projekt „CuTAWAY“ erforschen Wissenschaftler:innen welche Konservierungsverfahren am besten geeignet sind, seltene archäologischen Objekte aus Holz zu stabilisieren. Außerdem erproben sie eine zerstörungsfreie Datierung anhand der Computertomographie (DendroCT).

Für dieses Verfahren werden gerade acht steinzeitliche Radfunde aus der Region der Alpenländer untersucht, darunter eines der ältesten Holzräder aus dem Laibacher Moor in Slowenien sowie über achtzig weitere konservierte Holzproben aus der Referenzsammlung des RGZM in Mainz.

Das DendroCT-Verfahren wird gemeinsam mit Physikern und Ingenieuren an der Hochschule Luzern (HSLU) und Dendrochronologen aus dem Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart umgesetzt.

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„Ohne Eingriff in das Objekt und ohne umständliches Positionieren“ - Die Vorteile der Datierung mittels Computertomographen

Ein Interview mit Dr. Oliver Nelle

In unserer Reihe "High-Tech für die Steinzeit – Zerstörungsfreie Untersuchungen an steinzeitlichen Radfunden" interviewen wir jede Woche Expert:innen, die die archäologischen Artefakte aus ihrem fachlichen Blickwinkel beleuchten.

Diesmal sprechen wir, das sind Christina Nitzsche und Ingrid Stelzner vom RGZM, mit Dr. Oliver Nelle über die Datierung von Holzfunden, die Vorteile der neuen Untersuchungsmethoden und die Herausforderungen seiner Arbeit mit Hölzern. Dr. Nelle ist Leiter des Dendrochronologischen Labores Hemmenhofen am Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart und wird auf Grundlage der CT Daten die Radfunde datieren. 
  

Foto: O. Nelle/privat

 

Herr Nelle, sagen Sie uns: Was macht die neuen Aufnahmen für Sie so wertvoll?

Bei herausragenden Holzobjekten können wir Jahrringverläufe nur an den vorgegebenen Bruchflächen untersuchen, und nicht etwa wie bei „normalen“ Holzfunden dort durch Sägen eine Querschnittsfläche anfertigen, wo es uns für unsere Untersuchungen optimal erscheint. Mit den Aufnahmen sehen wir nun zerstörungsfrei viel größere Bereiche des Objektes und erhalten somit einen deutlich breiteren, fundierten Einblick in die Art, wie der Baum gewachsen ist und wie die Jahrringe verlaufen.

Und welche Vorteile haben die CT-Daten für Ihre Datierung?

Die CT-Daten erlauben uns die Messung der Jahrringbreiten ohne Eingriff in das Objekt und ohne umständliches Positionieren des ja recht großen Rades unter der Stereolupe bzw. auf dem Messtisch, wie wir das sonst tun. Außerdem können wir nun die Messung an verschiedenen Stellen vornehmen und so die Messwerte auf eine fundiertere Grundlage stellen, als dies an vorgegebenen Bruchflächen möglich ist.

Wie funktioniert die Datierung genau?

Die Breite jedes einzelnen Jahrringes wird in der Reihenfolge vom Inneren des Stammes nach außen gemessen, das ergibt dann als Kurve ähnlich einer Fieberkurve das sogenannte Wuchsmuster des Baumes, aus dem das Holz stammt, also die Jahrringbreiten über die Zeit. Enge Jahrringe stehen dabei für Jahre geringen Wachstumes, es ging dem Baum dann schlechter als in Jahren, in denen breitere Jahrringe entstanden sind. Da dies neben anderen Faktoren von der Versorgung des Baumes mit Wasser und mit den Temperaturen während der Wachstumsphase abhängt, reagieren Bäume in einer Region ähnlich auf die Witterung, also z.B. auf Trockenjahre. So können wir die Jahrringkurven eines Holzes computergestützt und mit visueller Kontrolle einpassen in Referenzkurven, das sind Jahrringkalender zusammengesetzt aus Messungen zahlreicher Hölzer bekannten Alters, und so das genaue Jahr des letzten gemessenen Jahrringes ermitteln. Falls dies dann der letzte Jahrring unter der Rinde, die sogenannte Waldkante ist, haben wir auch das Fälljahr des Baumes ermittelt.

Oliver Nelle beim Messen der Jahrringe (©Landandesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart)

Welche Holzarten wurden für den Räderbau überhaupt verwendet?

Häufig wurde Holz der Esche und von Ahornbäumen verwendet. Eschenholz ist langfaserig und daher relativ elastisch bei gleichzeitiger Stabilität, Ahorn-Holz ist hart und splittert nicht stark.

Können denn alle Holzarten dendrochronologisch datiert werden?

Im Prinzip funktioniert die Dendrochronologie mit allen Baumarten, die Jahresringe bilden, d.h. eine Winterruhe im Wachstum einlegen – wobei auch viele tropische Bäume Wachstumsruhen haben und Ringe bilden, allerdings dann nicht immer jahrgenau. Allerdings haben wir nur für einige Baumarten die angesprochenen Referenzchronologien, insbesondere für Eiche und Nadelhölzer, zum Teil auch für Rotbuche und Esche.

Zum Teil?

Ja, der Aufbau der Referenzchronologien, der Jahrringkalender, hängt davon ab, dass durch möglichst alle Zeiten auch entsprechende Funde gemacht werden, sodass wir von einem heute gefällten Baum uns überlappend mit vielen Holzfunden zurück in die Vergangenheit vorarbeiten können sozusagen. Wenn im Mittelalter z.B. nicht mit Esche gebaut wurde, haben wir eine Lücke, wir sprechen dann von schwimmenden Chronologien, die wir z.B. für die Jungsteinzeit für Esche aus bestimmten Fundstellen haben, die aber nicht an die Jetztzeit angeschlossen sind. So ist es auch mit dem Ahorn. Ahornbäume, in Mitteleuropa sind das die Arten Berg-, Spitz- und Feld-Ahorn, wurden sehr selten als Bauholz verwendet, entsprechend haben wir kaum Funde und keine Chronologien.

Wie gehen Sie dann vor?

Wir müssen dann versuchen, eine einzelne Jahrringkurve eines Ahorn-Holzes in die Chronologie der Eiche in der Region einzupassen. Das klappt mal, und mal nicht, da neben der gleichen Witterung, die auf alle Bäume unabhängig der Art einwirkt, auch individuelle Wuchseigenschaften vorhanden sind und ein Vergleich zwischen den Baumarten nicht so gut funktioniert wie innerhalb einer Baumart.

Und können Sie uns etwas zum Stand der bisherigen Datierungen der Räder sagen?

Die Räder sind bisher über den Kontext, also hier der Bretterboden, auf dem sie lagen, dendrodatiert, und zwar auf 2900-2897 v. Chr. Aber natürlich wäre eine Datierung des Objektes direkt sehr wünschenswert insbesondere bei solch bedeutenden Objekten.

Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Nelle!

Das Interview führten Dr. Ingrid Stelzner und Christina Nitzsche vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM).