Kreuzende Wallner-Linien auf der Bruchoberfläche einer gebrochenen Spitze (Foto: RGZM / R. Iovita).

Mit natürlichem Bienenwachs geschäftete Glaskopien einer Feuersteinspitze aus Jabrud/SYR (Foto: RGZM / R. Iovita).

Schussvorrichtung mit geschäftetem Speer im Labor für dynamische Druckmessung der PTB (Foto: RGZM / R. Iovita).

Schussvorrichtung mit geschäftetem Speer im Labor für dynamische Druckmessung der PTB (Foto: RGZM / R. Iovita).

 

Ballistische Experimente zum Verständnis neandertalerzeitlicher Jagdtechnologien
  

Das Projekt untersucht, wie man die Verwendung von Steinartefakten als Geschossspitzen nachweisen kann. Geschäftete Glaskopien von Levallois-Spitzen wurden maschinell gestoßen oder geschleudert. Die dabei entstandenen Schäden wurden mikroskopisch untersucht und Kriterien für die Unterscheidung verschiedener Waffensysteme festgestellt.

Jagdwaffen sind als Voraussetzung für die Großwildjagd eine der wichtigsten Erfindungen überhaupt. Aus der Alt- und Mittelsteinzeit sind nur wenige direkte Belege für vollständige Waffensysteme und ihre Anwendung bekannt. Steinerne Geschossspitzen erhalten sich zwar häufig, ihre Identifizierung und Zuweisung zu bestimmten Projektiltechnologien ist jedoch gerade für ältere Zusammenhänge schwierig.

Das Projekt widmet sich der Frage, wie man die Verwendung von Steinartefakten als Geschossspitzen etwa in Speeren nachweisen kann. Dazu entwickelte Radu Iovita in Zusammenarbeit mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig eine experimentelle Versuchsreihe, anhand derer Steingeräte als Projektile von Jagdwaffen erkannt werden können. Die dazu konzipierten Versuchsaufbauten ermöglichen die strenge Kontrolle verschiedener voneinander unabhängiger Parameter (wie z. B. Auftreffwinkel, Aufprallgeschwindigkeit, sowie die Materialeigenschaften und Form der Spitzen und des Ziels), die in ihrem Zusammenwirken für das Auftreten unterschiedlicher Bruchmuster verantwortlich sind. Die Experimente werden an eigens dafür gefertigten Glasspitzen durchgeführt.

Experimentelle Reihen simulieren z.B. die Aufprallgeschwindigkeit eines mechanisch geschleuderten Speeres oder eines Lanzenstoßes. Die Auswertungen weisen auf einen Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit der Bruchfronten bzw. der Aufprallgeschwindigkeiten der Geschosse und spezifischen Aufprallmustern an den Bruchoberflächen der Glasspitzen hin, sogenannten »Wallner-Linien«. Daran könnte sich ablesen lassen, ob und wie eine Waffe gestoßen, geworfen oder mit Hilfsmitteln geschleudert wurde. Die 234 in den Experimenten benutzen Glasspitzen bilden die bislang größte Vergleichssammlung und sind eine wertvolle Referenz für zukünftige Untersuchungen.

Finanzierung

DFG Sachbeihilfe »Untersuchungen zu neandertalzeitlichen Geschosstechnologien durch kontrollierte ballistische Experimente zum Verständnis von Aufprallfrakturen« (2010 - 2012)


Kooperationspartner

Publikationen

  • Iovita, R. and K. Sano (Hrsg.) (n.d.) Multidisciplinary approaches to the study of S tone Age weaponry, Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology, Springer, Dordrecht.
  • Iovita, R. und K. Sano (n.d.) “15 years since Knecht: advances in the study of Stone Age weapons” In Multidisciplinary approaches to the study of Stone Age weaponry, R. Iovita und K. Sano (Hrsg.), Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology, Springer, Dordrecht.
  • R. Iovita / H. Schönekeß / S. Gaudzinski-Windheuser / F. Jäger (in press), Identifying weapon delivery systems using macrofracture analysis and fracture propagation velocity: a controlled experiment.” In Multidisciplinary approaches to the study of Stone Age weaponry, R. Iovita und K. Sano (Eds.), Vertebrate Paleobiology and Paleoanthropology, Springer, Dordrecht.
  • R. Iovita / H. Schönekeß / S. Gaudzinski-Windheuser / F. Jäger 2013, Projectile impact fractures and launching mechanisms: results of a controlled ballistic experiment using replica Levallois points. Journal of archaeological science (Special issue: Lithic Use Wear Analysis).
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