Soter-Kirche in Akoumia, Sündenfallszene (Foto M. Horn).

Soter-Kirche in Chandras, Sündenfallszenen (Foto V. Tsamakda).

 

Die Genesiszyklen in den Wandmalereien der byzantinischen Kirchen auf Kreta

Das Adam und Eva-Thema ist von Anbeginn der christlichen Kunst ein beliebtes Darstellungsmotiv innerhalb des Genesisbildkreises, sei es in den Abbreviaturszenen der Katakombenmalerei und Sarkophagkunst oder in den alttestamentlichen Langhauszyklen der frühchristlich-römischen Basiliken. Die epochenübergreifende weite Verbreitung in der westlichen Kunst zieht sich durch alle Kunstgattungen. Ein traditionelles, durch die Aktualität ätiologisch-anthropologischer Fragestellungen beliebtes Einzelmotiv ist die Sündenfallszene. Die byzantinische Buchmalerei illustriert den Genesisstoff in den illuminierten Bibel- und Homilienhandschriften. Die Genese der Genesiszyklen basiert auf Archetypen mit unterschiedlichen Bildrezensionen wie der Cotton-Genesis-Familie oder der Oktateuchillustrationen. Durch Vermischung und Filiationen entwickeln sich weitere Überlieferungsstränge, etwa die mittelbyzantinischen Elfenbeinkästen mit Adam und Eva-Geschichten. Außer auf den sizilianischen Mosaiken des 12. Jhs. findet sich der Zyklus selten im Einflussbereich byzantinischer Kirchenausstattung, so als Zeugnis der Cotton-Genesis-Tradition auf den Mosaikkuppeln von San Marco oder im großangelegten Bildprogramm von Decani.

Auch auf Kreta gehört der Adam und Eva-Zyklus nicht zum gängigen Repertoire im Bildprogramm byzantinischer Kirchen. Im späten 14. Jh., einer Zeit des friedvollen Arrangements mit den Venezianern, gekennzeichnet durch Religionsfreiheit, Kulturaustausch und reiches künstlerisches Schaffen, tauchen auch die ersten Genesisbilder auf. Unter den ca. 1000 ausgemalten Kirchen gibt es bisher nur fünf erfasste mit Bildzyklen der Stammeltern: zwei Kirchen in der Präfektur Rethymno die Soter-Kirche in Akoumia (1389) und die Panagia-Kirche in Diblochori (1417) in einem jeweils als Annexbau nachträglich hinzugefügten und fest datierten Narthex mit Stifterinschrift; zwei in der Präfektur Herakleion, die Evangelismos-Kirche in Evangelismos (ca. 1370er) und die Hagios-Georgios-Kirche in Ano Viannos (1401), ebenfalls datiert durch eine Stifterinschrift; weiterhin die Soter-Kirche in Chandras (1. H. 15.Jh.) in der Präfektur Lassithi. Bis auf die Kreuztonnenkirche in Evangelismos handelt es sich um spitztonnengewölbte Einraumkirchen mit unterschiedlicher Bildverteilung der Genesisszenen im Kirchenraum. Im Gegensatz zu den heilsgeschichtlichen Bildfolgen, etwa in italienischen Basiliken, auf Sizilien oder in Decani, die die Schöpfung-Sündenfall-Erzählung mit Kain und Abel und den Urvätergeschichten bis zum Exodus fortführen, wird hier nur der Adam und Eva-Motivkreis dargestellt. Kirchenspezifische Variationen gibt es bei der Szenenanzahl und der Bildthemenauswahl wie Schöpfungsakt, Paradiesszenen mit Tierbenennung, Sündenfallthematik, Verdammung und Vertreibung oder postparadiesische Arbeitsszenen.

Grundlage der Untersuchung ist meist unveröffentlichtes oder noch zu beschaffendes Bildmaterial. Teilweise erschwert der schlechte Erhaltungszustand der Malereien die Beurteilung und verlangt mögliche Rekonstruktionen. In der Forschungsliteratur ist das Thema wenig aufgearbeitet. Nach der möglichen stilistischen Zuweisung zu kretischen Werkstätten liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf der ikonografischen Analyse und kontextuellen Einordnung.

Szenenauswahl oder Abweichung von traditionellen Bildabfolgen geben bereits Aufschlüsse über Schwerpunkte des Bildprogramms. In der Einzelszenengestaltung veranschaulichen divergierender Bildaufbau, die Aufnahme ungewöhnlicher Bildmotive und ihre ikonographische Umsetzung, wie etwa des Königtums des gekrönten Adams, der Etymologie des satanischen Verführerwesens oder der eigenwilligen Rollenverteilung der Engel unterschiedliche Bildtraditionen. Beispielhaft zeigt die Gegenüberstellung der Sündenfallszenen von Akoumia (Abb. 1) und Chandras (Abb. 2) sowohl stilistische als auch signifikante ikonographische Unterschiede, in einer Bandbreite von traditioneller Bildgestaltung und außergewöhnlichen, singulären Bildfindungen. Woher kommen die Motive des auf Kreta bis dahin nicht üblichen Bilderkreises? Im Vergleich mit außerkretischen Genesistraditionen kann die Genese von Bildmotiven überprüft werden. Wie stark ist der Einfluss westlicher Ikonographie oder sind vielmehr typisch lokale und auch innovative Bilderfindungen zu belegen? Dabei ist eine potentielle Übernahme von Bildvorlagen aus thematisch anknüpfenden, innerkretischen Bildformeln etwa aus Gerichts-, Paradies- oder Geburtsdarstellungen eine weitere Option. Platzierung im Kirchenraum, Einbindung in das Bildprogramm und beigefügte Kontextszenen beeinflussen die inhaltliche Gewichtung. Gibt es Anknüpfungspunkte durch präfigurative oder typologische Bezüge zu neutestamentlichen Szenen oder sind Motivassoziationen durch das Nebeneinander von Paradiesbaum- mit Ampelos- oder Wurzel-Jesse-Darstellungen beabsichtigt? Die Adam und Eva-Thematik bewegt sich generell im Spannungsfeld von Verdammung und Erlösung, von eschatologischer Gerichts- und Paradiesmotivik. So belegen die Kontextszenen von Judasverrat und Petrusverleugnung oder im weiteren Umfeld des Jüngsten Gerichts in Chandras die Betonung des menschlichen Fehlverhaltens und damit eine negative Konnotation mit dem Ursündethema. Dagegen zeugen die ausführlichen, in ihrer Ikonographie einzigartigen Arbeitsszenen in Akoumia von einer fortdauernden positiven Wertung der ursprünglich paradiesischen Bestimmung der Stammeltern.

Der kulturhistorische Kontext erweitert den Fragenkomplex. Gibt es Verbindungen zu schriftlichen Quellen, über den biblischen Bericht hinaus zu apokryphen Genesisschriften? Wie ist der Einfluss der Liturgie zu bewerten, gibt es sakramentale, eucharistische Motive für die Themenauswahl? In wieweit fließen dogmatisch-orthodoxe Grundsätze oder theologische Überlegungen ein? Dokumentiert die Entscheidung für die Neuaufnahme der „unkanonischen“ Adam-Eva-Szenen ins Bildprogramm zusammen mit weiteren außergewöhnlichen Bildfindungen, wie einer Kreuzerhöhungsszene in Ano Viannos oder der Ampelos-Darstellung in Akoumia die individuellen Wünsche und Vorstellungen der Stifter? Die Einflussnahme kretischer Adelsfamilien auf die von ihnen gestiftete Kirchenausmalung ist belegt. So prägten privilegierte griechische Feudalherren wie die Kallergis Stil und Ausstattung der auf ihren Lehnsgütern errichteten Kirchen, etwa die Narthexausmalung in Diblochori. Die ikonographische Untersuchung der Genesiszyklen leistet so zugleich einen Beitrag zur Erforschung der gesellschaftlichen Verhältnisse im venezianischen Kreta.

Betreung der Dissertation: Prof. Dr. Vasiliki Tsamakda, Johannes Gutenberg-Universität Mainz


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