Goldblech mit Darstellung der mit Sonnescheibe und Doppelfedern verzierten Königskartuschen des Tutanchamun. Beidseitig davon in antithetischer Komposition jeweils eine Binse und eine Biene (Foto: RGZM / Chr. Eckmann).

Darstellung des Königs, der bogenschießend auf einem Streitwagen steht und auf eine Zielscheibe in Form eines Kupferbarrens zielt. Der Barren, in dem bereits sechs Pfeile stecken, ist an einem dekorierten Stab befestigt, an dem jeweils ein Nubier und ein Asiate gefesselt sind (Foto: RGZM / Chr. Eckmann).

Tierkampfszene mit einem Capriden in Sprunghaltung, der von einem Hund und einem Greifen angegriffen wird. Die Darstellung zeigt Einflüsse levantinischer Kunst (Foto: RGZM / Chr. Eckmann).

Rückseite einer der fragmentarisch erhaltenen Goldblechapplikation: Zur Verstärkung der wenige Mikrometer dünnen Goldfolie dienen Lagen aus Leder, Textil und Gips (Foto: RGZM / Chr. Eckmann).

 

Die Goldbleche des Tutanchamun – Zur kulturellen Kommunikation zwischen Ägypten und Vorderasien

Die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun (KV62) durch den englischen Ägyptologen Howard Carter im Jahre 1922 bedeutete für die ägyptische Archäologie einen einmaligen Glücksfall. Trotz mehrmaligen Eindringens von Grabräubern konnte eine nahezu komplette Grabausstattung der 18. Dynastie (14. Jahrhundert v. Chr.) geborgen werden. Carter dokumentierte die mehr als 5300 Objekte gewissenhaft, und nahezu alle Photos und Grabungsdokumente werden heute vom Griffith Institute der Universität Oxford online zur Verfügung gestellt. Die wissenschaftliche Auswertung fehlt bisher allerdings für einen Teil der Funde. So auch für eine Gruppe verzierter Goldbleche (vermutlich Lederapplikationen), die lose auf dem Boden der Vorkammer lagen. Die räumliche Nähe zu einem Teil der pharaonischen Streitwagen legt eine Zusammengehörigkeit nahe, die Bleche könnten aber auch als Verzierungen von Textilien, Jagdausstattung (Köcher, Bogenkasten etc.) oder Pferdegeschirr gedient haben. Die Darstellungen beinhalten ägyptische Motive, aber auch Elemente unterschiedlicher Kulturtraditionen des östlichen Mittelmeerraumes. Diese wurden in der jüngeren Forschung wiederholt dem sogenannten „Internationalen Stil“ zugeordnet, ein Begriff, der jedoch sehr problematisch ist und kontrovers diskutiert wird.

Ein Hauptanliegen des Projektes liegt in der Restaurierung/Konservierung der Goldbleche, deren Erhaltungszustand als sehr schlecht zu bezeichnen ist; sie wurden in fragmentarischem Zustand fast 90 Jahre im Magazin des Ägyptischen Museums Kairo gelagert und waren bisher weder Museumsbesuchern noch Archäologen zugänglich. Die derzeit durchgeführten restauratorischen Maßnahmen bieten nun erstmals die Chance, noch vorhandene Reste von anhaftenden Materialien zu untersuchen und Erkenntnisse über die ursprüngliche Anbringung der Stücke zu gewinnen.

Projektbeschreibung

In Kooperation mit dem Deutschen Archäologischen Institut, Abteilung Kairo, dem Institut für Kulturen des Alten Orients der Eberhard Karls Universität Tübingen und dem Ägyptischen Museum in Kairo, startete im Mai 2013 das Projekt »Die Goldbleche des Tutanchamun – Untersuchungen zur kulturellen Kommunikation zwischen Ägypten und Vorderasien«. Im Mittelpunkt des Projektes steht die archäologische, technologische und naturwissenschaftliche Analyse sowie die vergleichende ikonographisch-kunstgeschichtliche Aufarbeitung der ca. 100 figürlich dekorierten Goldblechbeschläge. Ziel ist es, diese Objektgruppe erstmals archäologisch zu verstehen, in ihren Objekt- und Sachzusammenhängen zu rekonstruieren und in den Kontext ägyptischer Streitwagen und Waffenausstattungen einzuordnen.

Im Rahmen der Transformationspartnerschaft zwischen Ägypten und Deutschland konnte mit Mitteln des Auswärtigen Amtes zunächst ein qualitativ hochwertig ausgestattetes Restaurierungs- und Untersuchungslabor im Ägyptischen Museum eingerichtet werden. Darüber hinaus wurde zwei jungen ägyptischen Restauratorinnen im Rahmen des wissenschaftlichen Austausches eine Weiterbildung am RGZM ermöglicht. Seit Januar 2014 wird das auf drei Jahre angelegte Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Forschungsziele und Methoden

Übergeordnetes Ziel ist es, die Goldbleche aus dem Grab des Tutanchamun als eine wichtige, bisher weitgehend unbeachtete und ungenügend zugängliche Materialgruppe mit einem breiten Spektrum an wissenschaftlichen Methoden in diesem Forschungsprojekt erstmals umfassend zu bearbeiten und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Die Objekte sollen im Rahmen des Projektes restauriert/konserviert, sorgfältig in Text, Foto und Zeichnung dokumentiert, naturwissenschaftlich untersucht, kunsthistorisch und archäologisch ausgewertet und umfassend publiziert werden. Darüber hinaus soll ein weiteres Ergebnis des Projektes sein, diese neue Materialgruppe aus dem Grabschatz des Tutanchamun in einer ästhetisch angemessen und didaktisch adäquaten Weise erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Restauratorische und naturwissenschaftliche Methoden

Da nur wenige dieser Fundstücke die Zeit unbeschädigt überdauert haben – die überwiegende Anzahl weißt zahlreiche Risse, Verwerfungen und Falten auf – ist eine umfassende restauratorische Bearbeitung unabdingbare Voraussetzung für die weitere Bearbeitung der Objekte. Ziel ist es, neben der Konsolidierung der fragilen Objekte, auch die Lesbarkeit der Darstellungen in den geschädigten Bereichen zurückzugewinnen. Daher ist es notwendig, die Goldbleche zunächst vorsichtig zu entfalten, Risse wieder zusammenzufügen und rückseitig an den Bruchstellen mit feinem Gewebe zu hinterlegen bzw. zu stabilisieren.

Ein zentraler Gegenstand des Forschungsvorhabens ist die technologisch –naturwissenschaftliche Untersuchung seitens der Experten des RGZM. Ursprünglich besaßen wohl alle Goldbleche ein aus Leder und textilen Bestandteilen – oft auch in Kombination mit Gips(?) – mehrschichtig aufgebautes Trägermaterial, auf dem diese befestigt waren. Dies wurde bereits von Littauer und Crowell (Littauer / Crouwell 1985, 34) erkannt, jedoch bleibt die Art und Weise des Aufbaus, die Funktion der einzelnen Schichten sowie deren Verbindung untereinander offen. Grundsätzlich ist also der strukturelle Aufbau der Objekte zu klären sowie die Fixierung der Goldfolien auf ihrem Träger. Hierzu ist eine umfassende technologische Analyse der Goldbleche sowie der organischen (Leder, Textil, Harze, Kitte?) und anorganischen Bestandteile (Gips?) der Objekte vorgesehen. Die Untersuchungen beinhalten auch eine Bestimmung des Leders sowie die textiltechnologische Begutachtung der Gewebereste. Hier wird eine makro- bzw. mikroskopische Autopsie Aufschluss geben. Besonders aussagekräftig in diesem Zusammenhang ist ferner die geplante radiologische Untersuchung mittels Computertomographie (CT), die zerstörungsfrei den Schichtenaufbau bis in feinste Detail – auch an physisch nicht zugänglichen Stellen der Objekte – wiedergibt.

Der Frage, auf welche Art Inschriften, ornamentale Verzierungen und figürlichen Darstellungen auf den Goldblechen erzeugt wurden, soll mittels eines hochauflösenden Digitalmikroskops nachgegangen werden: sofern es sich tatsächlich um (Gold)Bleche – also ein sich selbst tragendes Material – handelt, wäre eine Treibarbeit von der Rückseite und eine anschließend Ziselierung der Vorderseite nahe liegend. Inzwischen hat sich jedoch gezeigt, dass bei der überwiegenden Anzahl der Objekte eine sehr dünne Goldfolie (2 bis 5 Mikrometer) auf das Trägermaterial Leder/Textil aufgebracht wurde. Man könnte daher auch vermuten, dass die eigentliche Verzierung zunächst auf dem Leder erzeugt wurde. Beide Herstellungstechniken unterscheiden sich grundsätzlich und hinterlassen charakteristische Bearbeitungs- bzw. Werkzeugspuren auf der bearbeiteten Goldoberfläche. Es ist vorgesehen, die bei der Herstellung erzeugten Bearbeitungsspuren dreidimensional zu vermessen, sie mit hoher Tiefenschärfe zu dokumentieren, miteinander zu vergleichen bzw. diese voneinander zu unterscheiden.

Ein weiterer Schwerpunkt der naturwissenschaftlichen Untersuchungen wird die Analyse der Goldlegierung mittels einer portablen Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse (p-XRF) sein. Hierzu soll ein entsprechendes Gerät des RGZM vorübergehend nach Kairo transportiert werden, um die Untersuchungen vor Ort ausführen zu können. Von den Untersuchungsergebnissen verspricht man sich eine erleichterte Zuordnung der Objekte, da bereits in der Antike gezielt unterschiedliche Goldlegierungen mit deren spezifischen Materialeigenschaften genutzt wurden. Die Untersuchung der metallischen Spurenelemente (z.B. Zinn und Platin) könnte darüber hinaus, durch Abgleich mit Referenzdaten, einer Herkunftsbestimmung des Goldes dienlich sein. Ferner ist beabsichtigt, mittels metallurgischer Gefüge-Analysen Erkenntnisse über die Produktionsweise der Goldfolien zu gewinnen.

Alle Untersuchungen werden auch dazu dienen, innerhalb des Konvolutes an Fundstücken Gruppierungen zu bilden und die Frage der ursprünglichen Funktion der Objekte klären helfen. Überdies sollen die gewonnen Erkenntnisse Aufschluss geben, ob die Bleche ein und derselben Werkstatt zuzuordnen sind (etwa einer pharaonischen Hofwerkstatt), oder ob es sich um Werke unterschiedlicher Produktionen handelt.

Archäologische und kunsthistorische Methoden

Ebenso wie die naturwissenschaftlichen Untersuchungen verfolgt auch die archäologische Auswertung eine funktionale Analyse der Goldbleche, da diese bisher nur vage als Wagen- oder Köcherbeschläge angesprochen worden sind. Zu diesem Zweck wird eine vergleichende Untersuchung von Funden entsprechender oder ähnlicher Funktion aus Ägypten und der Levante vorgenommen werden. Einige sehr ähnliche Lederapplikationen stammen aus weiteren Gräbern im Tal der Könige, aber auch beispielsweise aus der Königsgruft von Qatna in Syrien. Ebenso können bildliche Darstellungen von Streitwagenszenen oder der Herstellung von Waffenequipment wichtige Aufschlüsse geben. Diese Ergebnisse sollen in Kombination mit den Ergebnissen der technologischen Untersuchungen zu neuen Aussagen bezüglich des Streitwagenzubehörs und der Waffenausstattung der Spätbronzezeit beitragen.


Kooperationspartner

Publikationen

  • Julia Bertsch, Katja Broschat, Christian Eckmann, Die Goldbleche aus dem Grab des Tutanchamun. Die Arbeiten der Jahre 2012 und 2013. In: e-FORSCHUNGSBERICHTE DES DAI 2014 · Faszikel 2. S. 26-28.
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