Abb. 1: Visualisierung der Siedlung auf dem Kapellenberg um 3700 v. Chr. (Grafik: Architectura Virtualis, 2019. © Magistrat der Stadt Hofheim, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Architectura Virtualis).

Abb. 2. Schnitt durch den Grabungsbefund 2012 am äußeren Wall mit Rekonstruktion des ehemaligen letzten Wallausbaustadiums und Höhe der Palisade (Grafik: Gronenborn, RGZM, 2012).

Abb. 3. Ausschnitt aus der Visualisierung mit Details des äußeren Walles um 3700 v. Chr. Im oberen rechten Bildrand ist ein Teil des verfallenen und überwachsenen inneren Walles zu sehen. Der Durchgang an dieser Stelle ist hypothetisch, in seiner Art allerdings belegt (Grafik: Architectura Virtualis, 2019. © Magistrat der Stadt Hofheim, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Architectura Virtualis).

Abb. 4. Grabungsbefund 1975 und Hausrekonstruktion (Grafik: Kubon 1975 / Bingenheimer 2013 / Ober, RGZM, 2013).

Abb 5. Ausschnitt aus der Visualisierung mit Details des Innenraumes um 3700 v. Chr. (Grafik: Architectura Virtualis, 2019. © Magistrat der Stadt Hofheim, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Architectura Virtualis).

Abb 6. Ausschnitt aus der Visualisierung mit Details des Vorlandes um 3700 v. Chr. Sichtbar sind die Felder, weidende Rinder und Spuren von Brandrodung (Grafik: Architectura Virtualis, 2019. © Magistrat der Stadt Hofheim, Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Architectura Virtualis).

 

Hausrekonstruktion und Visualisierung der Siedlung um 3700 v. Chr.

english version

Visualisierung der Siedlung um 3700 v. Chr.

Die Visualisierung der Siedlung wurde im Zuge der Einrichtung des Archäologischen Rundweges Kapellenberg erstellt. Die Abbildung fasst alle Erkenntnisse der Forschungen seit 2008 zusammen und zeigt den Wissensstand Ende 2019 (Abb 1).

Dargestellt ist die Periode des größten Ausbaus der Innenbesiedlung zwischen 3750 und 3650 v. Chr. Zu dieser Zeit war der innere Wall bereits nicht mehr in Gebrauch und an einigen Stellen erodiert oder er wurde möglicherweise auch teilweise planiert. Lediglich am südlichen Ende hat er sich bis heute gut im Gelände sichtbar erhalten.

Der äußere Wall hat sein mittleres Ausbaustadium erreicht, es ist jedoch nicht das heute noch im Gelände sichtbare Endstadium. Dieses wurde sehr wahrscheinlich erst ganz am Ende, nach der hier visualisierten Phase aufgeschüttet.

Wall und Palisade um 3700 v. Chr.

Aus der Grabung 2012 wissen wir recht gut, wie der Wall um 3700 v. Chr. ausgesehen hatte, am untersuchten Abschnitt konnten wir den Böschungsneigungswinkel feststellen und auch erkennen, dass der Bereich unmittelbar hinter dem Wall planiert war (Abb 2). Im Gelände ist die Planierung noch an einigen Stelle zu sehen. Da sie an im gesamten Wallverlauf an verschiedenen Positionen festzustellen ist, dürfte sie einst im gesamten Verlauf des Walles angelegt worden sein. Einmal diente das Material zur Aufschüttung, aber die planierte Fläche erlaubte es den Verteidigern auch, schnell die Position zu wechseln.

Im Profil der Grabung 2012 hatte sich auch ein Pfostenloch erhalten, dass Aufschluss über die Mächtigkeit der Pfosten gibt. Daraus, und aus der Notwendigkeit, dass die Verteidiger Sicht über die Palisade haben mussten, lässt sich die Höhe der Palisade errechnen, sie ist an die Darstellung eines jungsteinzeitlichen Bogenschützen aus Spanien angepasst.  Da die an verschiedenen Stellen beobachteten Ascheschichten innerhalb des Walls nicht sehr mächtig waren, gehen wir eher von einer Flechtwand mit Pfosten aus, als von einer durchgehenden Palisade aus nebeneinanderstehenden Pfosten (Abb. 3).

Häuser im Inneren

Im Jahr 1975 wurde von Rolf Kubon einer der Grabhügel untersucht. Neben Hinweisen auf den Aufbau und die Konstruktion des Hügels fand er auch Postenlöcher und Gruben, die er einem mutmaßlichen Ständerbau der Michelsberger Kultur zuschrieb (Abb 4). Mit Hilfe von Ergebnissen von Untersuchungen zum Hausbau an gleichzeitigen Siedlungen entlang des Bodenseeufers wurde eine digitale Rekonstruktion des Hauses vorgenommen. Dieses und die Ergebnisse der Grabungen zum Wallaufbau bildetet die Grundlage für eine GIS-gestützte Rekonstruktion und Visualisierung des Kapellenbergs in der Zeit um 3700 v. Chr.

Dichte der Innenbebauung

Aus den mittlerweile sechs gegrabenen Innenflächen, der dreißigjährigen Prospektion durch Rolf Kubon, und den geomagnetischen Prospektionen durch Partick Mertl aber auch der Verteilung der 14C-Alter können wir zu einer vorsichtigen Schätzung der Dichte der Innenbebauung und ihrer zeitlichen Dauer kommen, die auch in die Visualisierung eingeflossen ist (Abb 5). Danach konzentriert sich die Dauer auf das Jahrhundert zwischen 3750 und 3650 v. Chr. Michelsberger Siedlungsaktivitäten davor und danach können nicht ausgeschlossen werden, dürften aber gering gewesen sein. Die bislang gegrabenen Siedlungsschichten zeigen eine geringe Mächtigkeit, auch liegen Befunde immer mehrere Meter auseinander so dass eher von einer lockeren Bebauungsdichte ausgegangen werden kann. Möglicherweise gab es Gruppen von Häusern mit auch dazwischen liegenden freien Räumen. Die Bevölkerung einer solchen lockeren Bebauung dürfte etwa bei 900 Personen gelegen haben, bei etwa 6 Personen pro Haushalt.

Der Großgrabhügel war zu Beginn der Innenbesiedlung schon weitgehend in seinem jetzigen Verfallsstadium.

Nutzung der Innenfläche

In einigen Bereichen scheint die Lößbedeckung vor 6000 Jahren noch mächtig genug gewesen zu sein, um die Anlage von kleinen Feldern erlaubt zu haben. Wir gehen daher davon aus, dass die Freiflächen entweder zur Anlage von Feldern genutzt wurden oder aber als Weideland, sicherlich auch zur Anlage von Nutzholzflächen (etwa Hasel).

Nutzung des Umlandes

Das Umland diente der Versorgung der Bewohner und dürfte daher weitgehend frei von dichtem Bewuchs gewesen sein, zumal Bäume auch für die Palisaden und Häuser genutzt wurden. Auf den östlichen Lößflächen wurden die Felder angelegt, die Grasflächen für Vieh und eben Bodenbau durch Brandrodung freigehalten (Abb 6).

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Kooperationspartner

Publikationen

  • W. Feth / G. Heinz / D. Gronenborn / A. Junge / A. Kreuz / U. Recker, Neue Forschungen zum Kapellenberg in Hofheim am Taunus. hessenARCHÄOLOGIE 2012 (2013, 35-39).
  • S. Fetsch / D. Gronenborn / A. Kreuz / A. Cramer / S. Schade-Lindig / O. Weller, Ausweitungen der Forschungen zur Michelsberger Kultur im Rhein-Main-Gebiet. hessenARCHÄOLOGIE 2010, 2011, 22-25.
  • D. Gronenborn, Eliten, Prestigegüter, Repräsentationsgräber: Eine Spurensuche nach politischen Organisationsformen.In: Lichter, C. (Red.), Jungsteinzeit im Umbruch. Die "Michelsberger Kultur" und Mitteleuropa vor 6000 Jahren. Katalog zur Ausstellung im Badischen Landesmuseum Schloss Karsruhe 20.11.2010 - 15.5.2011. Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Karlsruhe 2010) 243-249.
  • D. Gronenborn, Der Kapellenberg während der Jungsteinzeit. In: R. Schlecker (Red.), Jade und Salz. Der Hofheimer Kapellenberg und seine Geschichte. Publikation zur Ausstellung im Stadtmuseum Hofheim am Taunus vom 2. Juni – 29. September 2013. Stadtmuseum Hofheim am Taunus. Beiträge zur Kultur- und Stadtgeschichte 18 (Hofheim am Taunus 2013) 7-25.
  • D. Gronenborn / B. Hünerfauth / A. Kreuz / U. Recker / N. Richter / M. Wagner, Fortgang der Untersuchungen am Kapellenberg bei Hofheim am Taunus. Grabungen des Vorwalles der jungneolithischen Höhensiedlung im Main-Taunus-Kreis. hessenARCHÄOLOGIE 2009, 2010, 43-45.
  • D. Gronenborn, Some thoughts on political differentiation in early to Young Neolithic societies in western central Europe. In: H. Meller/H.-P. Hahn/R. Jung u. a. (Hrsg.), Arm und Reich - Zur Ressourcenverteilung in prähistorischen Gesellschaften. 8. Mitteldeutscher Archäologentag vom 22. bis 24. Oktober 2015 in Halle. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (2016) 61–76.
  • D. Gronenborn/W. Haak, Als Europa (zu) Europa wurde. Die großen Migrationen im Neolithikum. In: M. Wemhoff/M. M. Rind (Hrsg.), Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland (Petersberg 2018) 72–77.
  • D. Gronenborn/H. Thiemeyer/A. Cramer/N. Antunes/D. Neubauer/P. Pétrequin, A later fifth millennium cal BC tumulus at Hofheim-Kapellenberg, Germany. Antiquity Project Gallery 2020.
  • F.-R. Herrmann, Der Kapellenberg bei Hofheim am Taunus, Main-Taunus-Kreis. Führungsblatt zu den vorgeschichtlichen Grabhügeln, dem römischen Wachtturm und dem frühmittelalterlichen Ringwall. Archäologische Denkmäler in Hessen 30 (Wiesbaden o. J.).
  • D. Hofmann/E. Banffy/D. Gronenborn/A. Whittle/A. Zimmermann, Als die Menschen sesshaft wurden. Die Jungsteinzeit in Süd- und Mitteldeutschland. In: E. Bánffy/K. P. Hofmann/P. von Rummel (Hrsg.), Spuren des Menschen. 800 000 Jahre Geschichte in Europa (Darmstadt 2019) 110–133.
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  • N. Richter, Der Kapellenberg bei Hofheim a. T. - Eine michelsbergzeitliche Höhensiedlung und ihr Umland. Unveröffentlichte Dissertation. Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (Mainz 2010).
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  • T. Lang/A. Cramer/D. Gronenborn/U. Recker/ S. Fiedler/H. Thiemeryer, Grabungen 2014 innerhalb der Befestigung auf dem Kapellenberg bei Hofheim am Taunus. hessenARCHÄOLOGIE 2014, 2015, 46–48.
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  • P. Mertl/D. Gronenborn, Geophysikalische Prospektionen auf dem Kapellenberg. In: U. Recker (Hrsg.), hessenARCHÄOLOGIE 2018. Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen. hessenARCHÄOLOGIE 21 (Darmstadt 2019) 59–61.
  • J. Nowaczek/D. Gronenborn/A. Kreuz/P. Mertl/U. Recker/H. Thiemeyer, Ein Berg hält die Forschung seit Jahren auf Trab. hessenARCHÄOLOGIE 2016, 51-53, 2017.
  • J. Nowaczek/D. Gronenborn/U. Recker, Im Regen stehen gelassen: der Kapellenberg hütet seine Geheimnisse. hessenARCHÄOLOGIE 2017/2018, 40–42.
  • N. Zimmer, Die Michelsberger Höhensiedlung Kapellenberg bei Hofheim. Eine Befestigungsanlage am südlichen Rand des Taunus und ihre Einbindung in die Besiedlungsentwicklung im Umland. In: F. Daim, D. Gronenborn u. R. Schreg (Hrsg.), Strategien zum Überleben. RGZM - Tagungen 11 (Mainz 2011) 129-142.