Vom Steinbruch in die Kirche. Die Ökonomie frühmittelalterlicher Skulptur: Materialien, Bildhauer und Auftraggeber (7. bis 9. Jahrhundert)

Die Produktins- und Vertriebsprozesse von Skulptur im Frühmittelalter und deren ökonomische Hintergründe sind noch weitgehen unerforscht, während man für die römische-, frühbyzantinische und spätmittelalterliche Zeit über umfangreiche Literatur verfügt, die zahlreiche Informationen über verschiedenste Aspekte bereitstellt: über die Versorgung mit Gütern und deren Transportwege, -kosten bis hin zu den Bearbeitungsmethoden, dem technischen Know-how, der Organisation der Werkstätten und Handwerker, deren Verhältnis zu den Auftraggeber usw. In Kontinentaleuropa bezieht sich die frühmittelalterliche Steinskulptur weitgehend auf reliefverzierte Architekturteile und Inneneinrichtung von Kirchen und Klöstern: Pfeiler, Platten bzw. Chorschrankenplatten, Säulen, Kapitelle, Architrave und Simse oder Balken usw. Wurde die Rolle der Kirche innerhalb der frühmittelalterlichen Ökonomie manchmal auch durch die Forschungsliteratur unterbewertet, so gibt es doch kaum Zweifel daran, dass sie einer der bedeutendsten Auftraggeber im Frühmittelalter gewesen war.

Dies gilt noch mehr für die Produktion von Steinskulptur und anderen Steinprodukten, war die Kirche doch der größte Bauherr dieser Zeit. Ein ganzer Bereich der antiken Bauindustrie (Theater, Thermen, Foren usw.), der vorher durch die Oberschicht des Römischen Reichs organisiert worden war und der meist mit opulenten Marmorreliefs verziert war, verschwand nach und nach. Allgemein wurde im Frühmittelalter weniger Gebaut und dadurch auch weniger Stein verbaut. Die öffentliche Monumentalarchitektur des 7. bis 9. Jahrhundert – die jetzt nicht mehr die Vielfalt und den Umfang römischer oder spätantiker Zeit hatte – bestand meist aus Kirchen und anderen zur Kirche gehöhrenden Gebäuden. Der Bau solcher Gebäude wurde meist von einflussreichen Kirchenmännern vorangetrieben, durch Adlige oder Könige finanziert und wunderschön mit Steinskulptur dekoriert. Diese Skulptur waren für die Zeitgenossen einer der beeindrucktesten Charakteristika solcher Bauten. All dies macht es verständlich, wie wichtig es ist die mit der frühmittelalterlichen Steinindustrie verbundene Ökonomie zu untersuchen.

Dieses – in weiten Teilen noch nicht untersuchte – Thema steht im Fokus der vorgelegten Doktorarbeit. Die Produktion von Steinskulpturen im Frühmittelalter zeigt sich als unterschiedlich zu der der römischen und der spätantiken Epoche. Eine umfassende Analyse von für architektonische Verzierung genutzten Steintypen in über 400 Kirchen und Klöstern (Südfrankreich, Norditalien, Österreich, der Schweiz und Süddeutschland), eine gründliche Auswertung der Quellen schriftlicher und epigraphischer Provenienz über Handwerker und Auftraggeber, und eine systematische Auswertung archäologischen Materials (d.h. Fragmente von Steinskulpturen) zeigten hinsichtlich der Produktionsepoche Unterschiede in verschiedenen Aspekten: von der Beschaffung der Steine über die Organisation und Zusammenstellung der beteiligten Arbeitskräfte bis hin zum sozialen Kontext der Handwerker, Bauherren und Finanziers. Einer der auffälligsten Unterschiede zu den vorherigen Epochen ist der bemerkenswerte Anstieg der Mobilität von Maurern und Bildhauern: sie arbeiteten an den prominentesten Bauten und zogen dank der Netzwerke hochrangiger Personen, die sich gegenseitig spezialisierte Arbeiter empfahlen, in verschiedenste Regionen. Diese Mobilität ist einerseits vielfach in schriftlichen Quellen überliefert. Andererseits wird sie durch die Analyse der Skulpturfragmente sichtbar, d.h., dass diese archäologischen Befunde es ermöglichen die Arbeiten der gleichen Gruppe von Bildhauern in unterschiedlichen Gebieten zu identifizieren, vorausgesetzt man berücksichtigt ein bestimmtes systematisches Vorgehen. Der für diese Dissertation gewählte casus studii (d.h. einige Skulpturen aus dem südlichen Frankreich und dem nordwestlichen Italien) zeigt das Potential der hier angewandten Methodik , die hier zum ersten mal für frühmittelalterliche Skulptur verwendet wurde.    Bevorzugten die Eliten vorheriger Epochen noch ihrem sozialen Status dadurch Ausdruck zu geben, dass sie preziösen und exotischen Marmor (manchmal bereits bearbeitet und zum Einbau vorbereitet) importierten, so zeigten sie diesen Status im Frühmittelalter dadurch, dass sie die besten Arbeiter kommen ließen, teils aus sehr weit entfernten Gebieten. Kamen die spezialisierten Handwerker nun oft von weit her, so war das verarbeitete Material meist lokaler Herkunft (Abbau aus Steinbrüchen oder Wiederverwendung bereits vorhandenen Baumaterials). Die ersten auslösenden Faktoren, die den Übergang von dem einen zu dem anderen Produktionssystem kennzeichneten, kamen zum Ende des 4. Jahrhunderts auf, um dann im 5. und 6. Jahrhundert durch weitere ergänzt zu werden. Nach dem Frühmittelalter, ungefähr ab dem 11. Jahrhundert, wird sich das Produktionssystem zwar stetig weiterentwickeln oder auch auf ältere Vorgehensweisen zurückgreifen (z.B. der intensive Abbau von Stein oder der Transport des Baumaterials über große Distanzen, wie es bereits in der Antike üblich gewesen war), doch zeigen sich auch Kontinuitäten zum 7. bis 9. Jahrhundert (z.B. die große Mobilität der Arbeitskräfte).

Methodisch wurde in der Untersuchung des Themas interdisziplinär vorgegangen. Es muss bedacht werden, dass alle Arten von Quellen – schriftliche, archäologische und petrographische – gleichwertig sind. Viele Aspekte der Herstellung von Steinprodukten und ihrer ökonomischen Hintergründe könnten innerhalb nur einer einzelnen Disziplin nicht hinreichend untersucht werden um zu einem umfassenden Ergebnis zu gelangen.

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