Restaurierung und Archäologie  

Gezogener antiker Draht? Zur Drahtproduktion des Kettenpanzers aus Zemplín

Jahrgang 9/2016: Artikel von Ilyas Özşen u.a.

Zusammenfassung

Trotz seiner Bedeutung für die Schmuckforschung und die Entwicklungsgeschichte der Kettenpanzer ist die Ontogenese des antiken gezogenen Drahts nicht ausreichend untersucht. Sowohl die für das Drahtziehen benötigten antiken Zieheisen als auch das Vorhandensein antiken gezogenen Drahts gelten als zweifelhaft, weshalb in der Konsequenz Indizien für Drahtoberflächen, die auf Ziehprozesse hinweisen, vielfach als Beweis für Kunstfälschungen betrachtet werden. Zusammen mit Frank Willer, Restaurator für archäologisches Kulturgut am LVR-LandesMuseum Bonn, wurde eine neue Methode der Drahtherstellung erprobt, bei der die charakteristischen Merkmale des Drahtinneren eines Ringpanzers aus Zemplín, der in das ausgehende 1. Jahrhundert n. Chr. datiert, rekonstruiert werden konnten. Diese Experimente führten zu dem Schluss, dass der Draht für das Kettenhemd zuvor aus einem dünnen Eisenblech zusammengerollt und anschließend durch ein Zieheisen gezogen wurde. Anhand der Methode des Roll-Drawing konnte eine Technik identifiziert werden, die möglicherweise die Initiation des antiken gezogenen Drahts darstellt. Das Ziehen eines eingerollten dünnen Metallblechs reduziert im Vergleich zum Ziehen massiver Drähte signifikant die Anforderung an das verwendete Zieheisen, woraus sich auch eine neue Beurteilung der bisher bezweifelten antiken Zieheisen ergibt. Die Arbeiten erfolgten in Zusammenarbeit zwischen dem Exzellenzcluster 264 Topoi (D-5-5-1) der Humboldt-Universität zu Berlin und dem LVR-LandesMuseum Bonn.

Summary
Ancient Drawn Wire? On the Wire Production of the Chain Mail from Zemplín

Despite its importance for jewellery history and the development of mail armour, the history of drawn wires and its associated tools in antiquity has not been sufficiently studied. In fact, the existence of drawplates has occasionally been doubted or denied altogether. Thus, it has been disputed that wires were produced by drawing and in consequence draw marks on wires were mostly considered as proof of recent forgeries. Together with Frank Willer, conservator for archaeological objects at the LVR-LandesMuseum Bonn, a new method of drawing wire has experimentally been probed. It has thus been possible to reproduce characteristics apparent in the microsection of a mail ring from the burial of Zemplín, which dates to the end of the 1st century AD. This allows us to conclude that the wire for the mail armour was produced by rolling a thin metal and drawing it afterwards through a drawplate. With roll-drawing, a drawing technique has been identified which can account for the emergence of wire drawing in antiquity. Drawing of rolled thin metal imposes less technical constraints on the drawplates than drawing solid material. The work was carried out in collaboration between the Excellence Cluster 264 Topoi (D-5-5-1) of the Humboldt-Universität zu Berlin and the LVR-LandesMuseum Bonn.