Pressemitteilung | 12. November 2019 

Der Oxforder Evolutionspsychologe Robin Dunbar ist dritter Preisträger des HUMAN ROOTS AWARD. Dieser wird jährlich für herausragende Forschungsleistungen verliehen, die zum Verständnis der menschlichen Verhaltensevolution beitragen. (Foto: RGZM / O. Jöris)


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Evolutionspsychologe Robin Dunbar ist dritter HUMAN ROOTS AWARD Preisträger

Neuwied / Mainz. Am 8. November 2019 erhielt Professor Robin Dunbar, Evolutionspsychologe an der Universität Oxford, den mit 10.000 Euro dotierten HUMAN ROOTS AWARD für seine herausragenden Leistungen für das Verständnis menschlicher Sozialität. Der internationale Forschungspreis wird seit 2017 vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS, einer Einrichtung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM) an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen für ihre Beiträge zum Verständnis der menschlichen Verhaltensevolution verliehen.

„Robin Dunbars Arbeit inspiriert uns seit Jahrzehnten, wir sind sehr stolz darauf, ihn hier bei uns zu haben“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser, Leiterin von MONREPOS während ihrer Begrüßungsrede. „Im Laufe der Jahre haben wir hier in Monrepos nicht nur Robin Dunbars Forschung zigfach in unseren Aufsätzen und Büchern zitiert, sondern auch für die Gestaltung unserer Ausstellung genutzt.“

Seine Forschungen zum menschlichen Sozialverhalten berührten unseren inneren Kern. Sie seien durch die Frage nach „unserer Bedeutung als Menschen“ relevant für viele Disziplinen, die sich der Erforschung des Menschen widmen, führt Gaudzinski-Windheuser fort. Die Pleistozäne Archäologie gebe dabei eine historische Perspektive auf die grundlegende Frage, was uns menschlich macht. „Nur wenn wir anerkennen, was uns menschlich macht, können wir nachhaltige politische Richtlinien für die anstehenden anspruchsvollen Aufgaben finden“.

Stabilen sozialen Kontakten sind Grenzen gesetzt

„Robin Dunbar schlägt in seiner gesamten wissenschaftlichen Arbeit Brücken zwischen den von ihm gelehrten Disziplinen, die viel mehr gemeinsam haben, als es auf den ersten Blick erscheinen mag: Anthropologie, Psychologie und Biologie – alle in ihren evolutionären Perspektiven. Und der gemeinsame Nenner ist unsere menschliche Natur“, fasste Dr. Olaf Jöris, Archäologie in MONREPOS und Jurymitglied des HUMAN ROOTS AWARDS, Dunbars Wirken in seiner Laudatio zusammen. „Bei all seinen Forschungen war das Primatenhirn immer im Mittelpunkt. Es ist von größter Bedeutung für unsere menschlichen kognitiven sowie für unsere sozialen Fähigkeiten“.

Neben vielen anderen grundlegenden wissenschaftlichen Arbeiten, zähle Dunbars herausragende Erkenntnis, dass dem menschlichen Gehirn im Unterhalten von stabilen Sozialkontakten kognitive Grenzen gesetzt seien. So unterhalte jeder Mensch durchschnittlich etwa 150 stabile Beziehungen zu seinen Mitmenschen, die eine Art Grenze für das Verarbeiten des menschlichen Gehirns von Sozialkontakten darstellen würden.

„Diese Anzahl ist als »Dunbar-Zahl« bekannt“, erläutert Jöris weiter. „Die Dunbar-Zahl hat aber auch eine evolutionäre Perspektive: In den letzten 2 Millionen Jahren wuchs sie von etwa 80 auf 90 auf heute 150, in Koevolution mit der Größe des Gehirns. Dunbars Zahl gibt also ein quantitatives Maß für unsere kognitiven Grenzen in der sozialen Bindung an, während unsere kognitive Evolution sonst schwer zu skalieren ist.“

Richard Dawkins, Schirmherr des HUMAN ROOTS AWARDS konnte leider nicht persönlich zugegen sein, schickte aber in einer kurzen Videobotschaft herzliche Grüße aus Kalifornien und verkündete mit einem Augenzwinkern, dass Dunbar ehrenhalber auch als Archäologen bezeichnet werden könne.

Entwicklung menschlicher Sozialität

Im Zuge eines wissenschaftlichen Vortrags stellte Dunbar eindrücklich seine Forschungsergebnisse vor. Dabei beleuchtete er die verschiedenen Faktoren, die zur menschlichen Sozialität, wie wir sie heute kennen, beitrugen. Dies zeigte er anhand seiner Gehirnstudien an Primaten, frühen Menschen und Neandertalern. Er zeigte auf, dass Sozialkontakte vor allem ein Zeitfaktor, nicht unbedingt ein Energiefaktor sei und brachte das Publikum dazu zu reflektieren, wie es um die eigenen Sozialkontakte gestellt sei. Laut Dunbar spielte das Lagerfeuer eine wichtige Rolle für die sozialen Bindungen der frühen Menschen. So sei durch das schlechte Licht ein Impuls für die Sprachentwicklung gegeben worden.

„Der pleistozänen Archäologie muss eine Stimme gegeben werden“

Am Morgen nach der Preisverleihung trafen sich Expertinnen und Experten, um sich mit Dunbar im Zuge einer Frühstücksdebatte zum Thema »Prosoziales menschliches Verhalten« aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen auszutauschen.

Zur Bedeutung des HUMAN ROOTS AWARDS für die Pleistozäne Archäologie schloss Gaudzinski-Windheuser: „So kann unsere Disziplin eine herausragende Rolle im integrativen Orchester der Disziplinen spielen, deren Studienobjekt der Mensch ist. Aber um dies zu archivieren, müssen wir der pleistozänen Archäologie eine Stimme geben, um die Bedeutung dessen, was wir tun, zu vermitteln: Wir müssen in engen Kontakt mit anderen Disziplinen treten. Und hier kommt der HUMAN ROOTS AWARD ins Spiel. Für uns hier in Monrepos sind der Preis und die damit verbundene Frühstücksdebatte Vehikel, um Kolleg*innen aus verschiedenen Bereichen zusammenzubringen, um über ausgewählte Themen zu sprechen und unsere spezifische archäologische Perspektive in bereits bestehende Narrative einzubringen.“

HUMAN ROOTS AWARD

Im Jahr 2017 rief das Archäologische Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS den HUMAN ROOTS AWARD ins Leben. Der internationale Archäologiepreis versteht sich als Brückenschlag zwischen den Wissenschaften. Er soll den interdisziplinären wissenschaftlichen Dialog fördern, um die archäologische Sichtweise auf die »Menschwerdung« mit der humanistischen Agenda des »Menschseins« zu verknüpfen. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und ehrt Archäologen oder Forscher anderer wissenschaftlicher Disziplinen für bahnbrechende Beiträge zum Verständnis der menschlichen Verhaltensevolution.

Nach dem Tod von Irenäus Eibl-Eibesfeldt, einem der Gründerväter der Humanethologie und Schirmherr des ersten HUMAN ROOTS AWARD, obliegt seit 2018 dem Oxforder Evolutionsbiologen Richard Dawkins die Schirmherrschaft. Dawkins war erster Preisträger im Jahr 2017; 2018 wurde Steven Pinker von der Harvard Universität (USA), Experimentalpsychologe, Kognitionswissenschaftler und Linguist, mit dem HUMAN ROOTS AWARD geehrt.

Kontakt

Dr. Lutz Kindler (MONREPOS, Koordinator und Mitglied der Preis-Jury)
Tel.: +49 (0) 2631 9772 242  |  Mail: kindler(at)rgzm.de

Christina Nitzsche M.A. (Pressestelle des RGZM)
Tel.: +49 (0) 6131 9124 179  |  Mail: nitzsche(at)rgzm.de

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MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution

MONREPOS ist Museum und Forschung zugleich. Als Außenstelle des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz, des Leibniz-Forschungsinstituts für Archäologie, wird in Schloss Monrepos bei Neuwied seit über 30 Jahren geforscht. Das Forschungszentrum und Museum ist eng mit dem Arbeitsbereich Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie am Institut für Altertumswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz verbunden.

Unser Forschungsinhalt ist das millionenschwere Erbe, das wir in uns tragen. Denn über mehr als 2,6 Mio. Jahre hat sich unser menschliches Verhalten entwickelt. Diese frühe Menschheitsgeschichte umfasst den längsten und zugleich prägendste Abschnitt unserer Verhaltensevolution, deren Erforschung sich MONREPOS verschreiben hat. Unsere Archäologie lebt vom Miteinander, vom Fragen, Anstoßen, Diskutieren. Nicht zuletzt von der Kritik und von Toleranz. Sie braucht Neugierige, Kreative und Mutige - ob in Wissenschaft, Ehrenamt, Presse oder als Besucher. MONREPOS versteht sich als Plattform all derer, die verstehen möchten, woher der Mensch kommt und was ihn eint.

Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) | Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Das RGZM ist ein international tätiges Forschungsinstitut und Museum für Archäologie mit drei Standorten in Rheinland-Pfalz (Mainz, Mayen, Neuwied). Seit Gründung im Jahre 1852 widmet es sich dem materiellen Erbe der Menschheit vom Pleistozän bis zum Mittelalter mit dem Ziel, menschliches Verhalten, Handeln und Denken sowie Entwicklung und Transformation von Gesellschaften zu verstehen. Die Konzentration von verschiedensten Expertisen – darunter Archäologie, Naturwissenschaften, Restaurierung und IT – innerhalb des Instituts ermöglicht es, menschliche Hinterlassenschaften aus unterschiedlichen Perspektiven über einen Zeitraum von 2,6 Millionen Jahren zu untersuchen. Als eines von acht Leibniz-Forschungsmuseen vermittelt es seine Forschungsergebnisse an die Wissenschaftswelt und die breite Öffentlichkeit. Hierzu dienen Dauer- und Sonderausstellungen, Publikationen sowie diverse Veranstaltungen. Der hauseigene Verlag gibt drei Fachzeitschriften und zahlreiche wissenschaftliche Monografien heraus.