Pressemitteilung | 7. September 2021 

Blick in das Heiligtum von Olympia. Rechts der um 600 v. Chr. errichtete Tempel der Göttin Hera, im Hintergrund links das von Philipp II. von Makedonien gestiftete Philippeion. Foto: H. Baitinger/RGZM

Blatt einer bronzenen Lanzenspitze mit intentional zerstörten Schneiden. Das Stück gelangte aus Sizilien nach Olympia. Foto: H. Baitinger/RGZM

Verbogenes und demoliertes Blatt einer bronzenen Lanzenspitze aus Unteritalien. Foto: H. Baitinger/RGZM



Neues RGZM-Projekt erforscht Kultpraxis in Olympia anhand zerstörter Weihgaben

Mainz/Athen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Römisch-Germanische Zentralmuseum, Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie (RGZM), um das Phänomen fragmentierter Weihgaben aus Bronze im Heiligtum von Olympia zu erforschen. Das auf drei Jahre angelegte Projekt erfolgt in Kooperation mit der Abteilung Athen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und startet am 1. Januar 2022.

Mehr als 1000 Jahre lang war Olympia auf der Peloponnes eines der wichtigsten Heiligtümer der Mittelmeerwelt. Vom späten 2. Jahrtausend v. Chr. bis in das 5. Jahrhundert n. Chr. pilgerten Menschen dorthin, um sich mit Opfergaben göttlichen Beistand zu erbitten oder Dank abzustatten. Ein großer Teil dieser Weihgaben, sogenannte Votive, war aus Bronze gefertigt; sehr viele davon wurden ganz offenbar absichtlich zerstört. Tiefe Kerben und zersplitterte Klingenränder auf Waffen, Dreifüßen oder Tiergestalten zeugen von der menschlichen Bearbeitung. Ob rituelle oder ökonomische Gründe die Menschen damals veranlassten, die Votive zu zerteilen, wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am RGZM nun im Rahmen des DFG-Projekts unter Leitung von PD Dr. Holger Baitinger ergründen.

Zerstörte Weihgaben – Platzmangel oder rituelle Handlung?

„Das Weihen von Objekten als Gabe für die Götter gehört zu den ältesten Sakralakten der Menschheit und ist neben Gebet und Opferhandlungen eine der meistgenutzten Formen, um mit einer Gottheit zu kommunizieren. In Olympia wurden die Gebäude und Freiflächen des Heiligtums geradezu mit Weihgaben überflutet. Wir wollen verstehen, warum die geweihten Objekte zerstört wurden. Brauchte die Heiligtumsverwaltung mehr Platz für die Massen an neuen Votiven? Oder waren die Zerstückelungen rituell motiviert?“, erklärt Projektleiter PD Dr. Holger Baitinger.

Im Zuge des Projekts vergleichen die Forschenden das olympische Material mit fragmentierten Objekten aus anderen griechischen Heiligtümern sowie aus bronzezeitlichen und früheisenzeitlichen Horten. „Durch die groß angelegte Studie wollen wir Muster identifizieren und strukturelle Übereinstimmungen oder Unterschiede herausarbeiten, um so ein tieferes Verständnis für die damalige Fragmentierungspraxis über kulturelle Grenzen alteuropäischer Gesellschaften hinaus zu erlangen“, führt Baitinger weiter aus. „Uns interessiert die Intention und Motivation der damaligen Menschen. Wir sind sehr gespannt, welche neuen Erkenntnisse wir aus den Funden lesen können.“

Das Römisch-Germanische Zentralmuseum und das Deutsche Archäologische Institut führen mit diesem Projekt ihre langjährige, enge Zusammenarbeit in Olympia fort.

Wissenschaftlicher Kontakt

PD Dr. Holger Baitinger (Projektleiter)
Tel.: +49 (0) 6131/ 9124-0 | E-Mail: baitinger(at)rgzm.de

Pressekontakt RGZM

Christina Nitzsche M.A.
Arbeitsbereich Kommunikation
Tel.: +49 (0) 6131 / 9124-179  |  Mail: presse(at)rgzm.de


Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) | Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie

Das Römisch-Germanische-Zentralmuseum (RGZM) erforscht als Leibniz-Forschungsinstitut und -museum für Archäologie die materiellen Hinterlassenschaften aus 2,6 Mio. Jahren Menschheitsgeschichte. Ziel ist es, anhand archäologischer Funde und Befunde menschliches Verhalten und Handeln, menschliches Wirken und Denken sowie die Entwicklung und Veränderung von Gesellschaften aufzuzeigen und zu verstehen. Das RGZM ist weltweit tätig und betreibt bislang erfolgreich und umfassend Forschungen in verschiedenen Regionen Afrikas, Asiens und Europas, wobei ein geographischer Schwerpunkt auf Mittel- und Südeuropa sowie dem mediterranen Raum liegt. Die einzigartige Konzentration archäologischer, naturwissenschaftlicher, restauratorischer und informationstechnologischer Kompetenzen verbunden mit bedeutenden Werkstätten, Laboren und Archiven, erlaubt es dabei, objektorientierte Forschung zur Archäologie der Alten Welt (Asien, Afrika, Europa) von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit zu betreiben. In sechs interdisziplinären und zeitübergreifenden Forschungsfeldern werden grundlegende Fragen der Menschheitsgeschichte untersucht, die von der Evolution unseres Verhaltens bis hin zu komplexen gesellschaftlichen Systemen und Mensch-Umwelt-Beziehungen reichen. Der weit größte Teil der Menschheitsgeschichte ist uns nur über materielle Hinterlassenschaften und Spuren menschlicher Aktivität überliefert. Damit stellt dieses Vermächtnis die grundlegende Quelle des Wissens über unsere biologische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung dar.