Pressemitteilung | 9. November 2020 

Hochland von Neu Guinea (Photo: Wulf Schiefenhövel/Marian Vanhaeren/Nicolas Antunes, November 2016).



Umwelt oder soziale Faktoren: Was beeinflusste menschliche Gesellschaften mehr?

Mainz/Jena. Umweltfaktoren spielen eine große Rolle für die Verteilung von Pflanzen- und Tierarten. Sie benötigen spezifische Klimabedingungen. Gilt das auch für menschliche Populationen? Bereits im 18. Jahrhundert wurden hitzige Debatten über einen für den Menschen gültigen klimatischen Determinismus geführt. Während einige moderne Untersuchungen zeigen, dass die Umwelt entscheidenden Einfluss auf die geographische Verteilung menschlicher Kulturen hat, rücken andere Studien alternative Erklärungen in den Vordergrund: Populationsdynamik, Migration, Drift, also im Laufe der Zeit entstehende Veränderungen innerhalb abgeschlossener Gruppen, sowie psycho-soziokulturelle Mechanismen, die die Formierung ethno-linguistischer Gruppen fördern. Ein allgemein akzeptierter Konsens hinsichtlich dieser Fragen besteht noch nicht. Auch am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM), Leibniz-Forschungsinstitut für Archäologie, wird die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Umwelt und im weitesten Sinne sozialen Faktoren untersucht.

Unter Nutzung eines neuartigen, multivariat-statistischen Zugangs, hat ein französisch-deutsches Team nun eine Studie über den Zusammenhang zwischen Umwelt und Verteilung von Sprachen in Neuguinea vorgelegt; sie wurde gerade in PLOS ONE veröffentlicht.

Diese Studie zeigt, dass die meisten Sprachgruppen ihre öko-linguistische Nische mit anderen Gruppen teilen. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass es eine klare Beziehung zwischen Umwelt und der geographischen Verteilung von Sprachen/Kulturen gibt. Andere Faktoren, die aus psychologischen und sozialen Aspekten menschlichen Verhaltens resultieren, spielen damit für die Diversifikation von Sprachen sehr wahrscheinlich eine wichtigere Rolle.

Im Gegensatz zu diesen Befunden bei Sprachgruppen zeigen Sprachfamilien, die mehrere Sprachgruppen enthalten, nur eine geringe Überlappung von Nischen. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Umwelt bedeutsam für die großflächige Expansion und Verteilung von Sprachen war.

Die vorgelegte Arbeit kann nicht nur wichtige Folgen für weitere ethno-linguistische, ethno-archäologische und archäologische Forschungen in Melanesien und in anderen Regionen haben, da sie eine Methode aufzeigt anhand derer hoch aufgelöste ökologische, linguistische und psycho-sozio-kulturelle Variablen in systematischer Weise mit einander in Beziehung gesetzt werden können.

Das wiederum macht sie für die laufenden Forschungen am RGZM interessant, denn insbesondere im Forschungsfeld "Gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Dynamiken" wird das vielschichte und sich oft wandelnde Verhältnis zwischen sozialen und Umweltfaktoren bei einfachen Bauerngesellschaften, hier jedoch in der Zeit des Neolithikums in Mitteleuropa (5400 – 2200 cal BC), untersucht.

Der führende Autor, Dr. Nicolas Antunes, ist am RGZM über das deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt „INTERACT – Human Interactions during the Mesolithic-Neolithic Transition in Western Europe“ in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena angestellt und beschäftigt sich mit der mathematischen Modellierung komplexer Mensch-Umwelt -Beziehungen.

Link zum PLOS ONE Artikel

Antunes, Nicolas, Wulf Schiefenhövel, Francesco d’Errico, William E. Banks, and Marian Vanhaeren. 2020. “Quantitative Methods Demonstrate That Environment Alone Is an Insufficient Predictor of Present-Day Language Distributions in New Guinea.PLOS ONE 2020 Oct 7;15(10):e0239359. doi: 10.1371/journal.pone.0239359
 

Wissenschaftlicher Kontakt am RGZM

Dr. Nicolas Antunes
Tel.: +49 (0) 6131 / 9124-0, E-Mail: antunes(at)rgzm.de 

Pressekontakt für das RGZM

Christina Nitzsche
Tel.: +49 (0) 6131 / 9124-179, E-Mail: nitzsche(at)rgzm.de 


Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM), Leibniz Forschungsinstitut für Archäologie

Das RGZM ist eine weltweit tätige Forschungseinrichtung für Archäologie mit Hauptsitz in Mainz sowie Nebenstellen in Mayen und Neuwied. 1852 vom Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine gegründet, ist es seit 1870 eine Stiftung des öffentlichen Rechts und seit 2002 Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Derzeit richtet das RGZM seine Forschung neu aus. Der Beitrag, den archäologische Forschung mit ihrem weit zurück reichenden Blick für die Bearbeitung und Bewältigung von Problemstellungen des gegenwärtigen Menschen leisten kann, wird zukünftig noch mehr im Fokus seiner wissenschaftlichen Arbeit und deren Vermittlung stehen. Die Kompetenzen des RGZM liegen u.a. im Zusammenspiel von Restaurierung, Archäometrie, experimenteller und antiquarischer Archäologie. Die Forschungen erfolgen in einem internationalen und interdisziplinären Netzwerk. In mehreren Museen und breitgefächerten Publikationen aus dem eigenen Verlag vermittelt es seine Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit.